Massenlogistik in Megastädten

Im Jahr 1975 Jahren lebten 38% aller Menschen in Städten. In 2008 waren es bereits mehr als die Hälfte, und im Jahr 2030 sollen es laut einem Bericht der Vereinten Nationen knapp zwei Drittel aller Menschen sein. In rasender Geschwindigkeit vollzieht sich damit eine Urbanisierung, mit der die Logistik nicht nur mithalten, sondern sie voraussehen muss.

Weltweit wachsen die Städte derzeit um rund 60 Millionen Bewohner pro Jahr. Im Fokus stehen dabei sogenannte Megastädte mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. Laut des Projekts „Megastädte von morgen“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung stieg ihre Zahl von fünf im Jahr 1975 auf absehbar 26 im Jahr 2015. Die „normalen“ Großstädte mit einer Einwohnerzahl unter 10 Millionen sind dabei noch nicht einmal mit eingerechnet.  

Diese Entwicklung ist in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung: Für die Energiebranche, die in den Ballungszentren sowohl die Versorgung als auch den Netzausbau und dessen Stabilität gewährleisten muss; für die Politik, die den Zuwachs durch gezielte Stadtentwicklung steuern und zugleich eine akzeptablen Luft- und Lebensqualität bieten muss; und natürlich für die Logistikbranche. Sie steht im Zentrum eines Netzes aus problematischen Knotenpunkte, die in der Summe zu einer umfassenden Herausforderung werden.

Einer dieser Knotenpunkte ist die bereits angesprochene Urbanisierung. Hinzu kommt das veränderte Konsumverhalten – Verbraucher setzen auf Online-Shopping und Home-Delivery. Bisherige „Warenlager“ in Form eines Supermarkts oder eines innerstädtischen Stores werden zunehmend obsolet und die Ware muss direkt bis zum Verbraucher gebracht werden – und das möglichst „green“. Die Logistikunternehmen treffen dabei häufig auf eine veralte Infrastruktur – ein weiterer problematischer Knotenpunkt. Diese ist der Menge an Menschen und Materialien nicht gewachsen und allein schon durch Tagesverkehr, Pendler und Rush-Hour völlig überlastet.

Night Deliveries sind daher in der Branche daher längst Usus. Wenn die Stadt weitgehend schläft, ist das die beste – und de facto einzige – Zeit, Waren und Produkte aus Logistik-Zentren schnell in die Städte zu transportieren. Das geht sogar so weit, dass beispielsweise der Logistikpartner von Starbucks Zutritt zum Lager einer Filiale bekommt, die Regale wieder befüllt und den Müll entsorgt – und wenn morgens die Angestellten das Café öffnen, müssen sie sich fühlen als wären die Heinzelmännchen da gewesen.  

Doch auch dieses Konzept hat aufgrund der steigenden Liefermenge bei knappem nächtlichen Zeitfenster seine Grenzen. Logistikdienstleister müssen also neue Transportkonzepte entwickeln.

Es gibt in der Branche konkrete Überlegungen, um in Städten wie Mexico City Logistikzentren zu errichten, in denen die Waren zentral geliefert, gelagert und vorkommissioniert werden. Diese werden dann von Smart Vans in die Städte gebracht, die mit GPS ausgestattet sind und auf dem ressourcen- und zeiteffektivsten Weg hinein- und wieder herausfahren. Denkbar sind auch zentrale Packstationen in Parkhäusern oder U-Bahn-Stationen, an denen der Kunde sein Paket via PIN oder Keyword abholen und eigene Sendungen abliefern kann. Auch sogenannte "Co-opetitions", also Kooperationen von Mitbewerbern, können Teil der Lösung sein. Sie könnten Belieferungszonen aufteilen oder eine gemeinsame Regalbelieferung konkurrierender Hersteller organisieren.

Johan Peter Paludan, Direktor des Copenhagen Institute for Futures Studies, glaubt sogar, dass der Zugang der Logistikunternehmen zu den Städten reglementiert und gesteuert werden muss. „Man wird eine Lizenz brauchen, um überhaupt in die Megastädte zu gelangen…“, sagte der Zukunftsforscher bei einem Auftaktgespräch der „Delphi Dialoge 2020“ in Frankfurt am Main, „… und diese Lizenzen werden begrenzt sein. Darauf muss sich die Logistikbranche einstellen und sich entsprechend organisieren.“

Studien wie "Transportation & Logistics 2030" von PwC in Zusammenarbeit mit dem Supply Chain Management Institute der European Business School oder die Szenario-Studie „Delivering Tomorrow“ der DHL beschäftigen sich eingehend mit Problemen und Lösungsansätzen zum Thema Logistik in Megastädten. Ihre interessanten, manchmal auch etwas gewagten Ausblicke liefern ausreichend Anregungen, wie man mit den anstehenden Herausforderungen umgehen und jonglieren kann. Zwar sind deren Auswirkungen noch Zukunftsmusik, doch das Orchester der Supply Chain wird sich zweifellos darauf vorbereiten müssen.