Logistik im E-Commerce

Hohe Wachstumsraten erfordern neue Denkansätze

Der Internethandel wächst. Allein in Deutschland verzeichnete die E-Commerce-Branche 2011 ein Umsatzwachstum von 13 Prozent auf ca. 30 Mrd. Euro.

Die jüngst im Oktober 2012 veröffentlichte Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach „Handel 3.0 – Dynamische Veränderung des Handels“ sieht kein Ende dieses Aufwärtstrends. Im Gegenteil: Die Altersspanne der intensiven Internetshopper wird größer und ihre Ansprüche an Preis- und Produkttransparenz sowie eine schnelle Lieferung erhöhen sich. Begünstigt wird diese Entwicklung durch den Strukturwandel im stationären Handel, der mit steigender Mobilität, sinkender Kundenbindung und dem starkem Preisdruck zu kämpfen hat. So verlagern besonders Anbieter in Kleinstädten und auf dem Land zunehmend ihr Business ins Netz, um am Markt bestehen zu können.

Internethandel in Österreich und Schweiz legt um 25 Prozent zu


In unseren deutschsprachigen Nachbarländern Österreich und Schweiz konnte der E-Commerce 2011 sogar ein Wachstum von über 25 Prozent verzeichnen. Der Umsatz der Webshops in Österreich beispielsweise stieg auf 2,1 Mrd. Euro an. Dies ergab die Studie „E-Commerce-Markt Österreich/ Schweiz 2012“ des Kölner EHI Retail Institute e.V. und der Hamburger Statista GmbH. 250 Onlineshops beider Länder wurden in die Untersuchung einbezogen. Von diesem Trend profitierten natürlich auch die größten Zusteller beider Länder, die Schweizerische Post und die Österreichische Post AG.

Voraussetzung für Wachstum im Onlinehandel: 100% Logistik und Fulfillment

Die steigende Technologisierung und Internationalisierung der E-Commerce-Branche ermöglicht einerseits enorme Wachstumsraten, verlangt aber gleichermaßen auch nach neuen, schnelleren  Strukturen. Ansprüche, die an Logistik und Fulfillment im stationären Handel gestellt werden, müssen  im Online-Shop sogar noch übertroffen werden. Die Liste der zu leistenden Logistik-Standards ist lang:

  • effiziente Lagerhaltung, Kommissionierung, Verpackung
  • schneller Versand, Tracking
  • Rechnungswesen, Zahlungsabwicklung, Mahnwesen
  • Retourenmanagement, Reparaturen
  • schneller Support

Um diesen Ansprüchen gerecht werden zu können, investieren viele Onlinehändler in modernste Logistikstrukturen. Der E-Commerce-Händler Redcoon beispielsweise betreibt seit Oktober letzten Jahres ein neues Logistikzentrum in Erfurt. Von diesem zentralen mitteldeutschen Standort aus organisiert der Online-Handels-Award Gewinner 2012 in Zukunft seinen Europahandel.

Vollautomatische Logistikdörfer erleichtern effektives Lagermanagement

Logistikzentren gleichen heute eher kleinen Dörfern und werden vielleicht deswegen im Englischen auch als Freight Villages bezeichnet. Meist liegen sie an Verkehrsdrehkreuzen und ermöglichen den Onlinehändlern durch eine ausgeklügelte Infrastruktur die knappen Terminvorgaben zu erfüllen. Der Wachstum der E-Commerce-Branche hat diese Zentren in jüngster Zeit wie Pilze aus dem Boden schießen lassen.

Allein der Online-Gigant Amazon hat in den letzten zwei Jahren vier neue Logistikstandorte in Deutschland errichtet. Große Teile dieser Logistikdörfer funktionieren vollautomatisch und verlassen sich in ihrer Intralogistik auf moderne Picking-Systeme wie die Pick-by-Light-Kommissionierung. Diese technischen Standards machen den Online-Handel schneller und günstiger und damit attraktiver für den Verbraucher.

England macht es vor: Lieferung innerhalb von 90 Minuten

Wer schneller und günstiger liefern kann, hat mit weniger Rücksendungen zu kämpfen. Doch welche Maßnahmen ergreifen die Anbieter, um diesem Anspruch gerecht zu werden?
Die großen E-Commerce Unternehmen wie Amazon oder Ebay experimentieren in Nordamerika aber auch in Europa schon länger mit Same-Day-Delivery-Diensten. In England geht der Anbieter Shutl sogar noch einen Schritt weiter und bietet seit einiger Zeit einen 90-Minute-Delivery-Service in Zusammenarbeit mit dem lokalen Einzelhandel an. Allerdings ist der Shutl-Gründer Tom Allason der Meinung, das dieses Konzept in Deutschland so noch nicht umsetzbar ist. Die Infrastruktur des stationären Handels könne keine zeitnahe Aktualisierung der Warenbestände garantieren. Ohnehin haben sich hierzulande bisher Fast-Delivery-Services nur als Teilbereich von Kurierdiensten wie Tiramizoo durchgesetzt. Auch in Zukunft bleibt fraglich, ob der Deutsche bereit ist 10 Euro und mehr für eine extraschnelle Lieferung zu bezahlen.

Zukunftsmusik: Das Ende der 40-Euro-Klausel

Zumindest hinsichtlich der 40-Euro-Klausel könnten Onlinehändler bald ein Problem weniger haben. Die geplante Harmonisierung des europäischen Fernabsatzrechts soll bis Dezember 2013 in nationales Recht umgewandelt werden. Demnach trägt bald der Verbraucher die Rücksendekosten nach einem Widerruf. Dennoch steht es jedem Shopbetreiber auch in Zukunft frei, Versandkosten als Serviceinstrument zu verstehen und sich so einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.