Weniger Emission - Mehr Kosten

Seit dem 01. Januar 2014 müssen alle neu zugelassenen LKW bei der Typprüfung die sogenannte Euro-6-Norm erfüllen. Diese senkt zwar die erlaubte Partikelmasse um 66 Prozent und den NOx-Ausstoß um 80 Prozent – doch zugleich steigen die Kosten für Logistik-Unternehmen in Deutschland. Ein Blick auf die ersten Monate seit dem Start der neuen Abgas-Norm.

Die Feuerwehr ist in Alarmbereitschaft – allerdings nicht, um einen Brand zu löschen, sondern aufgrund alarmierender Zahlen. Denn seit dem Inkrafttreten der EU-6-Norm am 1. Januar 2014 herrscht bei den deutschen Feuerwehren Panik.

Der Grund: Rettungsfahrzeuge sollen ebenfalls Rußpartikel und Stickoxide aus den Dieseldämpfen filtern.
Das Problem: Das Gewicht des benötigten Reinigungssystems ist zu hoch, die Maße des Geräts zu groß.

Auch der Preis für die Einsatzwagen wird wesentlich teurer, was vor allem die kleinen der insgesamt 33.500 Feuerwehren massiv in die Bredouille bringt. „Die Umsetzung der neuen Abgasnorm ist eher schädlich als nützlich“, fasst Jürgen Weiß, Experte des Landesfeuerwehrverbands Bayern die neue Norm zusammen, während Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) einräumt, dass sie „bei speziellen Einsatzfahrzeugen zu Problemen führen“ kann.

Zweifellos trägt der Verkehr auf den europäischen Straßen maßgeblich zur Luftverschmutzung bei. Um die Emission weiter zu reduzieren, ratifizierte die Europäische Union deshalb eine neue Abgasnorm zur deutlichen Senkung der Schadstoffgrenzen. Solch eine Norm legt Grenzwerte für den Ausstoß von Kohlenstoffmonoxid (CO), Stickstoffoxide (NOx), Kohlenwasserstoffe (HC) und Partikel (PM) – sprich: Feinstaub – fest. Infolgedessen erfolgt eine Unterteilung der Fahrzeuge in Schadstoffklassen. Dabei richten sich die Grenzwerte nach Motor- (Benzin- oder Dieselmotor) und Kraftfahrzeugtyp (PKW, LKW, Bus, Zweiräder, Mopeds) – und viele Logistik-Unternehmen schielen mit Argwohn und Ärger auf die Vorgaben.

EU-Norm 6 zieht die Zügel an

Seit 1992 sorgten die EU-weiten Vorgaben für eine Reduktion von LKW-Abgasen um nahezu 95 Prozent. Zum 1. Januar 2014 wurden mit der neuen EU-6-Norm die Zügel ein weiteres Mal angezogen – und dieses Mal besonders rigoros, was sie für Unternehmen teuer, für viele aber nachvollziehbar macht. Matthias Groote (SPD), Berichterstatter des Europäischen Parlaments für die Euro-6-Verordnung, erklärt: „Stickoxide sind gerade gefährlich für Kleinkinder, Kinder und ältere Menschen, weil sie zu Ozonbildung in Bodennähe führen.“ Deshalb mussten bereits ab Januar 2013 alle neuen LKW-Modelle die Euro-6-Norm erfüllen; gleiches gilt für LKW, die ab dem 01. Januar 2014 zugelassen werden. Für Brummis älteren Datums, die 2014 erstmalig zugelassen werden, dürften laut „VDI-Nachrichten“ für die Umrüstung für jeden Lastwagen Mehrkosten bis 10.000,- Euro anfallen. Groote jedoch zeigt sich überzeugt: „Euro 6 ist ein wichtiges Instrument zur Verbesserung der Luftqualität in Europa.“ Da in Europa über 350.000 Menschen an Feinstaub starben, sei eine weitere Verringerung der Emissionen eine logische Konsequenz.

Technik, die wenig begeistert

Gesucht wird jedoch immer noch nach der effektivsten Technik, mit der die EU-6-Norm am besten umgesetzt werden kann. Eines ist klar: Die Vorgaben bei den Werten der Partikelmasse können nur mit einem Dieselpartikelfilter eingehalten werden. Für die Senkung des NOx-Ausstoßes sind außerdem sowohl motortechnische Maßnahmen als auch Abgasnachbehandlungssysteme erforderlich. Allen voran die PKW-Branche muss diesbezüglich tief in die Trickkiste greifen: „Der technische Sprung von Euro 5 auf Euro 6 ist deutlich größer und technisch aufwändiger als der von Euro 4 zu 5“, sagt Sebastian Schilling, Ottomotoren-Experte beim Zulieferer Delphi.

Die Hersteller müssen – neben der Einhaltung der Emissionsgrenzwerte – außerdem die Dauerhaltbarkeit der Emissionsminderungseinrichtungen über eine Distanz von 160.000 Kilometern garantieren. Diese wird nach fünf Jahren oder 100.000 gefahrenen Kilometern kontrolliert.

Hamsterkauf LKW

Kurz vor Start der EU-6-Norm brach im Dezember des vergangenen Jahres ein regelrechter Boom beim LKW-Kauf aus. Laut Zulassungszahlen des Kraftfahrtbundesamtes waren im Vergleich zum Jahr 2012 doppelt so viele LKW über 12 Tonnen registriert worden als im Vorjahr. Die Verkaufsstatistik stieg deutlich, die bis dato existierende Nachfrageflaute war wie weggeblasen. Zuletzt hatte es vor 40 Jahren solch eine LKW-Hochkonjunktur gegeben.


Die Logistik-Unternehmen nutzten die letzte Frist, um schnell noch an günstigere und weniger umweltfreundliche Schwergewichte mit der Euro-5-Norm zu kommen. Mit diesen „Hamsterkäufen“ und den Zulassungen noch im vergangenen Jahr konnten sie die neue Richtlinie umgehen. Zum Vergleich: Nur jeder siebte LKW erfüllte im Dezember die neue Norm, ein Wert, der unter dem Jahresdurchschnitt einzuordnen ist. Sprich: 6 von 7 LKW entsprachen den neuen Richtlinien nicht. Jedoch hatte der „Verband der Automobilindustrie“ (VDA) schon lange vorher vor dem „Vorzieheffekt“ gewarnt. Als Anreiz für den Kauf eines teuren LKW mit EU-6-Schadstoffaustoß forderte der VDA deshalb eine Verringerung der Maut-Kosten für die Käufer. Allerdings stieß dieser Vorschlag bei der Bundesregierung auf taube Ohren.

Dieter Roth, Senior Project Manager Truck Services bei TÜV SÜD, sprach 2012 ebenso die Empfehlung aus, Logistik-Flotten mit Euro-6-Fahrzeugen zu bestücken, um sich einen Überblick über den Verbrauch zu verschaffen und zudem die Fahrer langsam an die neue Technik heranzuführen. Dachser Schweiz ist beispielsweise ein Unternehmen, das schon seit März 2012 mit zwei dieser umweltfreundlichen LKW erfolgreich in der Spur lag. Peter Bauer, Geschäftsführer Direktor Dachser Schweiz, erläuterte den vorgezogenen Einsatz: „Als verantwortungsvolles und nachhaltig arbeitendes Unternehmen ist es uns wichtig, einen aktiven Beitrag zum Umweltschutz zu leisten. Wann immer möglich setzen wir freiwillig Maßnahmen um, die über die gesetzlichen Bestimmungen hinausgehen.“ Auch einige deutsche Unternehmen entschieden sich frühzeitig für die EU-6-Norm.

Seit weit fast zwei Jahren vertraut das Bamberger Unternehmen Elflein Spedition & Transport GmbH größtenteils Fahrzeugen, die der EU-6-Norm unterliegen. Die Herbst Frischelogistik GmbH aus Bad Hersfeld setzte zu Beginn des Jahres 2013 die Weichen auf einen schadstoffarmen Transport. 75% der Flotte erfüllen gegenwärtig die neue EU-6-Norm, 100% die alte EU-5-Norm.
Die Essener Ferntransport GmbH achtete, wenngleich erst kurz vor Toresschluss, beim Kauf neuer Zugmaschinen ebenfalls darauf, dass diese die EU-6-Norm erfüllen – mit dieser Investition werden sowohl die Emissionen als auch der Lärmpegel gesenkt.

Fazit

Die EU-6-Norm und die damit verbundene erneute Verschärfung der Emissionsgrenzen sind im ersten Moment mit Mehrkosten verbunden. Logistik-Unternehmen, die mit neuen genormten Fahrzeugen regelmäßig unterwegs sind, haben jedoch bewiesen, dass trotz Umstellung die erwartete Erhöhung des Kraftstoffverbrauchs ausblieb. Doch Fahrzeuge wie jene der Feuerwehr stehen vor einem Problem: Die EU-6-Norm-Anlagen sind für Fahrzeuge konzipiert, die weite Strecken zurücklegen. Das Reinigungssystem beginnt nämlich erst zu arbeiten, wenn der Motor nach einer gewissen Anzahl Kilometern warm gelaufen ist. Feuerwehr-Extrarunden von bis zu 150 Kilometern wären die Folge – aus ökologischer und finanzieller Sicht ein Flächenbrand. Spätestens jetzt sollten da beim Gesetzgeber die Alarmglocken schrillen.