Ordnung im Chaos

Das Chaos-Prinzip für höchste Effizienz.

Logistische Prozesse befinden sich in einem ständigen Wandel und Unternehmen suchen für ihre Abläufe das bestmögliche Prinzip. Eine Variante davon ist das  „Chaos-Prinzip“, hinter dem nicht zwangsläufig Unübersichtlichkeit steht, sondern höchste Effizienz.

Dabei werden – vereinfacht gesprochen – Produkte genau dort gelagert, wo gerade Platz ist. Gesteuert werden die Prozesse von einem ausgeklügelten Lagerverwaltungssystem Der Logistik-Riese Amazon gilt als sein Wegbereiter.

Eine riesige Lagerhalle, turmhohe Regale dicht nebeneinander, befüllt mit unzähligen Artikeln, wild durcheinander gewürfelt, scheinbar ohne System, chaotisch wie in einem Kinderzimmer. Doch genau diese „chaotische Lagerhaltung“ macht den Erfolg von Amazon aus. Das Geheimnis ist ein firmeneigenes Lagerverwaltungssystem, das alle logistischen Vorgänge – von der Warenannahme bis zum Versand – präzise registriert und koordiniert. Ein Zentralrechner als Schnittstelle dieses Systems steuert und speichert jeden einzelnen Schritt in der Logistik-Kette und sorgt für die Ordnung im Chaos.

Seine wichtigste Datenquelle, um die Prozesse überhaupt überwachen zu können, ist ein Scanner, der alle Informationen via Strichcode weiterleitet. 1974 kam dieses Strichcode-Prinzip erstmals an einer amerikanischen Supermarkt-Kasse zum Einsatz, um einen Kaugummi-Preis zu ermitteln. 40 Jahre später sind die kleinen schwarzen Balken aus der Datenerfassung nicht mehr wegzudenken. Ob im Supermarkt oder in einem Logistik-Unternehmen.

Willkür am Lagerregal

Im „chaotischen System“ wird für die Ware vom sogenannten Stower, dem fürs Einlagern zuständigen Mitarbeiter, willkürlich ein freier Platz ausgewählt, via Scanner erfasst und an das Computersystem weitergeleitet. Dieser Vorgang wird als „Verheiraten“ bezeichnet. Wo gerade Platz ist, wird abgelegt. Somit nehmen die Logistiker bewusst in Kauf, dass die Artikel mehrfach und sogar an unterschiedlichen Plätzen verteilt sind. Regalfächer werden dadurch nicht mehr wie früher für Produkte freigehalten, die erst noch geliefert werden müssen. Die gleichmäßige Verteilung ergibt eine Streuung quer über die Lagerregale; gleiche Artikel nebeneinander zu platzieren gilt als Sünde. Was unendlich chaotisch wirkt, hat elementare Vorteile: Die Laufwege verkürzen sich immens, zudem kann das Unternehmen flexibel auf Warenein- und -ausgänge reagieren. Davon profitieren auch die Picker, jene Mitarbeiter, die ebenfalls zwischen den Regalen unterwegs sind, um die eingelagerte Ware wieder aus den Fächern zu holen und Aufträge abzuarbeiten.

Maschine dirigiert Mensch

Das Computersystem optimiert die Laufwege der Picker, so dass es zu keinerlei Umwegen mehr kommen kann. Die Maschine dirigiert den Mensch. Jeder Schritt führt nun direkt zum gewünschten Ziel. Sobald ein neuer Auftrag zu erledigen ist, wird jener Picker damit beauftragt, der den berechneten Weg am besten ablaufen und den Artikel einsammeln kann.

Wer zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, begibt sich in die Spur. Innerhalb weniger Umdrehungen des Sekundenzeigers landet die bestellte Ware mit dem passenden Adressaufkleber etikettiert auf einem Lieferwagen.



„On the fly“
nennt sich das Konzept. Neben einer enormen Zeiteinsparung werden die Produktivität gesteigert und die Kosten reduziert.

Dennoch gibt es einige Regeln, die auch beim Chaos-Prinzip gelten: Artikel, die häufig bestellt werden, die sogenannten Topseller, sollten in unmittelbarer Nähe der Warenannahme gelagert werden. Lebensmittel nur in Hallen, die für die entsprechenden Lagerbedingungen geschaffen sind. Gleiches gilt für Parfüm, Spraydosen, Batterien, und leicht entflammbare Gefahrgüter. Große Gegenstände wie Waschmaschinen lagern separat; kleinteilige Artikel stapeln sich in 2,50 Meter hohen Regalen. Eine besondere Rolle spielen Bücher. Um Verwechslungen vorzubeugen, dürfen ähnlich aussehende Bücher niemals nebeneinander aufbewahrt werden.

Wahres Chaos im Ernstfall

Ordnung mit Chaos herzustellen, ist in diesem Fall keineswegs ein Widerspruch. Wenn das System ausfällt, ist es jedoch fast unmöglich, Aufträge abzuarbeiten. Der Grund: die Plätze der Artikel wechseln regelmäßig – mit gesundem Menschenverstand ist dem Chaos nicht mehr beizukommen. In dem Fall müsste ein neues System entwickelt werden, das im Bedarfsfall hilft. So spart das geordnete Chaos zwar Zeit und Kosten, birgt jedoch auch die Gefahr, sich in der Unübersichtlichkeit zu verlieren.

Kritiker sehen im „geordneten Chaos“ den Nachteil, dass die klassischen Aufgaben von Stowern und Pickern verlorengegangen sind. Die Technik bestimmt und registriert nun via Strichcode jeden Ablauf bis ins Detail. Wege werden genau so vorgegeben wie Pausen. Der Mensch ist zu einem kleinen Rädchen in einem großen System geworden, das vor allem auf Effizienz ausgerichtet ist.


Wie nun die Zukunft logistischer Prozesse aussehen wird, entscheidet sich sicherlich nicht an diesem einen Prinzip. Klar ist: Automatisierung und computergesteuerte Abläufe sind aus der Logistik nicht mehr wegzudenken – die Philosophie dahinter bleibt jedoch jedem Unternehmen selbst überlassen.