Logistik der Zukunft

Unbemannte Drohnen, die Pakete ausfliegen, Softwares, die die Ware auf den Weg schicken, bevor sie bestellt wurde – sind das spektakuläre Einzelkonzepte oder ist das die Logistik der Zukunft? Wissenschaftler betrachten die Perspektiven der Logistik etwas komplexer und kalkulieren mit verschiedenen Szenarien, die sich zum Teil deutlich unterscheiden.

Ende letzten Jahres waren sie in aller Munde: die Flug-Drohnen, die zuerst Amazon und dann DHL testeten. Die Post-Tochter lieferte in Bonn ein Paket mit Medikamenten aus und simulierte damit den Versand von einer Apotheke zum Kunden. Für die zwei Kilometer lange Strecke über den Rhein brauchte das Paket auf dem Luftweg nur wenige Minuten – ein Auto oder Fahrrad wäre sechs Kilometer und deutlich länger gefahren. Theoretisch könnten also Lieferungen mit einem Gewicht bis zu 3,5 Kilogramm in einem Radius von bis zu 30 Kilometern extrem schnell ausgeliefert werden, wenn – ja, wenn der Betrieb unbemannter Fluggeräte außerhalb der Sichtweite des Steuernden in Deutschland erlaubt wäre. Die Pläne, diese Art der Auslieferung in dünn besiedelten und schwer zugänglichen Gebieten zu etablieren, sind und bleiben möglicherweise ein Zukunftstraum.

Realistischer erscheint ein weiteres Projekt von Amazon. Der Versandhändler reichte im ‚United States Patent and Trademark Office‘ das Patent 8.615.473 B2 ein unter dem Titel ‚ Method and system for anticipatory package shipping‘ – Methode und System der vorausschauenden Auslieferung. Bevor Kunde oder Kundin den ‚Kaufen‘-Button anklicken, ist die Ware schon auf dem Weg. Aufgrund verschiedener Parameter – Wunschlisten, Rückläufe, bisherige Bestellungen, etc. – werden Waren ohne konkrete Lieferadresse an ein bestimmtes Versandzentrum geschickt. Sogar die Verweildauer des Cursers auf einem Produkt soll registriert werden und mit einfließen. Erst wenn die Bestellung offiziell abgeschickt wurde, wird die Adresse im Versandzentrum komplettiert. Mehrkosten durch eventuell unnötig ausgelieferte Ware sollen durch den Wettbewerbsvorteil ausgeglichen werden: extrem kurze Lieferzeiten machen einen Kauf im Laden ‚um die Ecke‘ noch weniger attraktiv.

Logistik im Jahr 2050 – Ergebnisse einer Zukunftsstudie

Die Logistik der Zukunft wird sich aber nicht durch mehr oder weniger spektakuläre Einzelprojekte definieren, sondern steht in Abhängigkeit zur Entwicklung der weltweiten Märkte. Um Prognosen zur Logistik der Zukunft machen zu können, müssen also Prognosen über die Entwicklung der Märkte zugrunde gelegt werden. Nach wie vor Gültigkeit hat die Zukunftsstudie ‚Delivering Tomorrow: Logistik 2050‘, die die DHL in Auftrag gegeben hatte und die vor zwei Jahren erstmals veröffentlicht wurde. Hier werden fünf verschiedene – teils extreme - Szenarien für die Entwicklung von Handel, Wirtschaft und Logistik skizziert, basierend auf den Prognosen von 42 Wissenschaftlern, Experten und Institutionen. Da sich der Grad der Globalisierung, Technologiestandards, die weltweite Ökologie und gesellschaftliche Entwicklungen in verschiedene Richtungen bewegen können, ersetzen die Szenarien lineare Prognosen.

Die fünf Szenarien für 2050 – in aller Kürze

Szenario 1: Zügelloses Wachstum - drohender Kollaps

Konsum ist die zentrale Option der materiellen Bedürfnisbefriedigung. Das weltweite Handelsvolumen hat sich im Vergleich zu heute vervielfacht. Das Gravitationszentrum der Märkte und deren Produktionsstätten haben sich gänzlich nach Osten verlagert. Regulierung findet nicht oder kaum mehr statt. Ein globales Transportnetz („Supergrid“) sorgt für einen schnellen Warenaustausch und den Transport von Strom. Der Klimawandel schreitet fort, Naturkatastrophen häufen sich.

Szenario 2: Megaeffizienz in Megastädten

Megastädte werden zu den Weltzentren, ländliche Regionen hingegen abgehängt. Der Wohlstand ist hoch, der technologische Fortschritt tendiert zu vollständiger Automatisierung. Die Produktion findet robotergesteuert in unmittelbarer Nähe der Metropolen statt, Erwerbstätigkeit hauptsächlich im Dienstleistungssektor. Das Konsumverhalten ändert sich vom Erwerb hin zur zeitweiligen Anmietung. Auch Logistik wird hocheffizient: unterirdische Frachtwege, Megatransportmittel und sogar Raumtransporter sorgen für den Warenaustausch zwischen den Megastädten.

Szenario 3: Individualisierte Lebensstile

Individualisierung wird zum Motor der Märkte. Unterschiedlichste Industriezweige bieten Produkte, die von den Konsumenten gestaltet und entwickelt werden. Folgen sind eine dezentralisierte Infrastruktur und ausschließlich regionale Handelsströme. Auch die Energieversorgung und die Nahrungsmittelproduktion werden regionalisiert. Lediglich Rohstoffe und Daten gehen weiter um die Welt. Die Entwicklung des 3-D-Drucks reduziert die Anforderungen an die Logistik noch weiter. Private Haushalte „drucken“ ihre Produkte selber. Begleiterscheinung ist der Wegfall vieler Arbeitsplätze in der Produktion. Die Maßfertigung erhöht den Energie- und Rohstoffverbrauch, Treibhausgasemissionen und Erderwärmung steigen weiter.

Szenario 4: Lähmender Protektionismus

Zunehmend sperren sich Länder gegen die Globalisierung. Politisch dominiert ein nationalistisches Denken. Der offene, weltweite Handel ist zum Erliegen gekommen, lediglich Rohstoffe werden noch global gehandelt. Alle anderen Lieferketten sind regionalisiert. Alternde Gesellschaften, wirtschaftlicher Niedergang und die Stagnation technologischer Entwicklung führt zu Produktionsrückgang. Regierungen betrachten die Logistik als strategisches Instrument und als Vermittler in der internationalen Politik. Die hohen Energiepreise und die Ressourcenknappheit schüren internationale Konflikte über Rohstoffvorkommen. Internationale Bemühungen zur Reduzierung der CO2-Emissionen scheitern, die Erderwärmung schreitet stetig voran.

Szenario 5: Globale Widerstandsfähigkeit - lokale Anpassung

Stabile Energiepreise und eine günstige Produktion haben den Konsum angekurbelt. Die automatisierten Lieferketten erweisen sich aber als anfällig für Naturkatastrohen, die im Zuge des Klimawandels häufiger werden. Engpässe sind die Folge. Die resultierende Instabilität erfordert eine regionalisierte und robuste Logistik. Künstliche Intelligenz hat die Technologie flexibler gemacht, Produktionsstandorte und Infrastrukturen können temporär stillgelegt und später reaktiviert werden. Riesige Lagerstandorte in der Nähe der Produktionsstätten dienen als Puffer in den Produktionspausen.


Die vollständige Studie ist unter folgendem Link abrufbar:
Zukunftsstudie: Delivering Tomorrow: Logistik 2050