Alles auf Grün

Nachhaltiges Wirtschaften konnte in den letzten Jahren einen enormen Bedeutungsgewinn verzeichnen. Eine Entwicklung, die ebenso in der Logistik-Branche angekommen ist. Für die Logistik der Zukunft ist dabei die soziale Verantwortung eine der größten Herausforderung der Gegenwart. Das Schlagwort diesbezüglich lautet: „Grüne Logistik“. 

Die Bezeichnung verwirrt: „Green Logistics“ oder „Grüne Logistik“ beinhaltet nicht nur die Umsetzung umweltfreundlicher Transportprozesse, sondern bezieht sich insgesamt auf die ökologische und ökonomische Effizienz eines Unternehmens. „Nachhaltigkeit“ lautet das große Schlagwort – und deren Geburtsstunde ist tatsächlich grünen Ursprungs. Denn vor 300 Jahren publizierte der sächsischen Bergmann Hannß Carl von Carlowitz das Werk „Sylvicultura Oeconomica – Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht“, in dem erstmals der Begriff Nachhaltigkeit auftauchte. Von Carlowitz' Ansatz kritisierte darin vehement die zunehmende Waldzerstörung. Damit die zukünftigen Generationen den Wald noch nutzen können, so seine nachhaltige Forderung, darf nur so viel Holz geschlagen werden wie wieder aufgeforstet und nachwachsen kann. Was er damals als einer der Ersten analysierte, besitzt heute allumfassende Gültigkeit für viele Bereiche in Wirtschaft und Gesellschaft. Und so verlagerte sich das Thema auch vom Wald in die Logistik-Hallen der Republik.

Die am weitesten verbreitete Definition bezüglich Nachhaltigkeit lieferte 1987 die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung mit dem Brundtland-Report, in dem Nachhaltigkeit als „eine Entwicklung, welche die Bedürfnisse der heutigen Generation befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“ beschrieben wird.

Die Logistik-Branche, die hinsichtlich wirtschaftlicher Gesichtspunkte – Verkehr, Flächenverbrauch und Arbeitsbedingungen – oftmals in der Kritik steht, befindet sich infolgedessen in einem Umbruch. Uwe Clausen, Professor für Verkehrssysteme und -logistik an der Technischen Universität Dortmund, konstatiert: „Die Logistik der Zukunft muss robuster, sicherer, wirtschaftlicher und ökologischer werden.“ Nachhaltig in allen denkbaren Aspekten also. Manche sehen zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltschutz nach wie vor einen Widerspruch. Doch einige Unternehmen beweisen bereits das genaue Gegenteil.

Probleme bekannt. Lösungen nicht.

In den letzten Jahren hat eine Meinungswende eingesetzt. Nachhaltigkeit wird von immer mehr Verantwortungsträgern in der Logistik beherzigt und umgesetzt. „Vor dem Hintergrund knapper Ressourcen gilt es, Logistik-Konzepte zu überdenken“, sagt Holger Hildebrandt, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik.

Die Unternehmensberatung „Steria Mummert“ stellte 2012 via Umfrage fest, dass die Hälfte der befragten Unternehmen ihre Philosophie bereits auf Nachhaltigkeit ausgerichtet hat. Dabei wird zum einen die verkehrsbedingte Umweltbelastung sukzessive reduziert, zum anderen werden Produkte umweltfreundlicher hergestellt. Fast zwei Drittel der befragten Unternehmen schätzten Nachhaltigkeit als „überdurchschnittlich wichtig“ ein. Klimaschutz, Sozialstandards und die Ressourcenschonung bilden den sogenannten „Managementkompass Nachhaltige Wertschöpfung“. Bei der von „Horváth & Partners“ 2013 durchgeführten Studie befürworteten sogar mehr als 80% der Befragten das Thema Nachhaltigkeit und wollen deren Umsetzung zeitnah „zur Chefsache“ machen.

Das klingt gut – und ist auch dringend nötig. Denn in den vergangenen zehn Jahren haben sich die Treibhausgasemissionen der Transportindustrie schneller erhöht als die aller anderen energieverbrauchenden Sektoren. Aktuell ist das Transportwesen für rund 18 % der Emissionen weltweit verantwortlich. Die Logistikbranche ist dadurch verstärkt in den Blickpunkt der Diskussionen gerückt. So werden Ressourcen aufgrund eines veränderten Umweltbewusstseins – sowohl bei den Unternehmern als auch den Konsumenten – zusehends effizienter eingesetzt. Laut der „Green Trends Survey“ der Deutschen Post DHL wird der Klimawandel derzeit als eines der größten globalen Probleme neben Armut, Nahrungsmittel- und Trinkwassermangel angesehen.

Das Potenzial zur Verbesserung nutzt jedoch ein Großteil der Logistikunternehmen bis dato nicht aus. In den meisten Fällen fehlt eine passende Strategie, um die ökologischen und sozial nachhaltigen Themen auszuführen. Auf eine schriftlich fixierte Nachhaltigkeitsstrategie konnten sich die wenigsten Unternehmen festlegen.

Nachhaltigkeit wird zu einem Imagewert

Der Druck, diesen Zustand zu verändern, kommt oftmals von den Geschäftspartnern. Große Markenunternehmen wie Nike und Wal-Mart gehen bereits diesen Weg und verlangen von ihren Partnern und Zulieferern mitunter drastische CO2-Reduktionen. „Handelsunternehmen legen großen Wert auf grüne Partner“, zieht Uwe Denningmann, Senior Executive Manager Verkehr und Logistik bei Steria Mummert Consulting, Bilanz. Dementsprechend wirtschaften diverse Unternehmen immer nachhaltiger. Und das mit Erfolg. „Ein zentraler Aspekt ist die Senkung der CO2-Emmissionen“, ergänzt Logistikexperte Denningmann. 

Die Deutsche Post DHL betrat 2006 als einer der ersten Anbieter mit CO2-neutralen Sendungen dieses Terrain und hat sich seitdem ein ganz konkretes CO2-Effizienzziel auf die Fahnen geschrieben. Lohn der Mühe: Für das Umweltschutzprogramm GOGREEN erhielt DHL 2013 als erstes Logistikunternehmen das internationale Öko-Siegel „Green Brands“.

Nachhaltig unterwegs ist ebenso Hermes, die vor allem entlang der gesamten logistischen Wertschöpfungskette den CO2-Verbrauch senken möchten. „Das Streben nach maximaler unternehmerischer Nachhaltigkeit ist für Hermes kein Lippenbekenntnis, sondern wird im Unternehmen kontinuierlich voran getrieben“, erklärt Dr. Philip Nölling. Hermes testet beispielsweise den weltweit ersten elektrisch betriebenen Transporter im Wirtschaftsverkehr.

Der Hamburger Logistiker Hoyer konnte zwischen 2009 und 2012 seine CO2-Emissionen um rund 20 % reduzieren, insbesondere wegen der Verbesserung des intermodalen Verkehrs. DB Schenker schickte deswegen all seine 20.000 Fahrer auf die Schulbank, um eine umweltschonende Fahrweise zu lernen. Und Unilever als größter Hersteller von Verbrauchsgütern versucht mittels Änderungen in der Distribution ebenfalls die CO2-Emission zu verringern.

Verbesserung statt Verschwendung

Wer wie Alnatura nachhaltig und ökologisch investiert, spart ebenfalls in der Zukunft: Im hessischen Lorsch baute der Biolebensmittelhersteller ein neues, umweltfreundliches Logistikzentrum, deren Fassade aus heimischen Lärchenholz besteht. Auf dem Dach sind Solarzellen integriert, als Heizung wurde eine Luft-Wasser-Wärmepumpe eingebaut, Energie-Versorgung mit Strom erfolgt aus Wasserkraft. Wie dieses Beispiel verdeutlicht, sorgt die Nutzung von erneuerbaren Energien perspektivisch gesehen für finanzielle Einsparungen.

Um die Umwelt zu entlasten, setzen die Unternehmen am häufigsten auf umweltfreundliche Techniken. In erster Linie wird in Fahrzeuge investiert, die wenig Sprit verbrauchen und damit weniger CO2 ausstoßen. Um diese Werte zu steigern, vertraut man zunehmend auf Telematik-Systeme sowie den besagten Fahrerschulungen.

Drehen an der Preisschraube?

Darf, wer nachhaltig wirtschaftet, eigentlich die Preise erhöhen? Dr. Christian Schnöbel, Studienleiter der Managementberatung Horváth & Partners, spricht sich klar dagegen aus und betont explizit, dass „nachhaltige Leistungsangebote keineswegs ein Freibrief für höhere Preise“ darstellen. Nachhaltigkeit hilft mehr, als dass sie schadet, denn sie bringt eindeutig Wettbewerbsvorteile. 60% der Firmen rechnen deswegen bis 2015 mit finanziellen Einbußen, wenn ihre Logistik nicht auf Umweltfreundlichkeit umgestellt wird. „Wirkungsvoller Klima- und Umweltschutz gelingt nur, wenn Unternehmen, Vertragspartner und Kunden gemeinsam die Initiative ergreifen“, unterstreicht Hermes CFO Nölling. Jürgen Richert, Logistik-Experte der Mannheimer J&M Management Consulting verbindet die Faktoren „Lean and green“ miteinander.

Mehrere Studien nehmen den Verunsicherten, die nicht wissen, ob sich Investitionen wirklich auszahlen, den Wind aus den Segeln: Die Energieeffizienz neuer Transportfahrzeuge verbessert sich von 2020 bis 2030 um 20 bis 40 %. Deutschland ist und bleibt also ein spannender Logistik-Markt mit sehr guten Zukunftsaussichten. Allen voran für Unternehmen, die auf die „grüne Karte“ setzen.