Go digital – or gome home

Digitale Brillen, fahrerlose Transportsysteme, frei bewegliche Lagerregale – die Digitalisierung steht bei Logistik-Unternehmen ganz oben auf der Agenda. Denn heute bilden intelligente Informations- und Kommunikationssysteme das Rückgrat der Branche. Der Einsatz von „digitalen Helfern“ kann Kosten reduzieren, mehr Flexibilität erreichen und Transparenz bei Abläufen erhöhen. Eine Roland-Berger-Studie stellte jetzt fest, dass der digitale Wandel die Wirtschaft eindeutig belebt.

Wenn Blicke lesen können
 

Das Teilelager des Volkswagenkonzerns in Wolfsburg erhielt kürzlich prominenten Besuch. Mitglieder des Vorstandes schauten höchstpersönlich bei ihrer Belegschaft vorbei. Der Grund: Eine Datenbrille, die nicht schwerer als eine Tafel Schokolade ist, soll Arbeitsabläufe revolutionieren – und das möchte der VW-Chef mit eigenen Augen sehen. Ein Infrarotlicht erfasst die Position der Pupillen und berechnet in Echtzeit das Blickfeld des Trägers. Beim Kommissionieren liest nun eine integrierte Minikamera den anvisierten Info-Aufkleber ab. Die Richtigkeit der Daten vermittelt anschließend ein Piepton. Im Vergleich zur Nutzung eines Handscanners hat der Arbeiter nun beide Hände frei, kann bewegungsschonender und sicherer arbeiten und wickelt Aufträge wesentlich effektiver und schneller ab.

Wenn die Tests im Lageralltag abgeschlossen sind, könnten die Brillen noch in diesem Jahr zum Einsatz kommen. Warum auch nicht – schließlich nutzen Chirurgen diese hilfreiche Technik schon heute bei Operationen, während Handwerker sie bei schwierigen Montagearbeiten einsetzen. „Je nach Bedarf können Baupläne oder Planungsdaten für Operationen eingeblendet werden“, beschreibt das Fraunhofer Institut die blickgesteuerte OLED-Brille, die auf der CeBIT 2013 den Innovationspreis in der Kategorie „Hardware“ erhielt. Besonders im Industrie-, Produktions-, Medizin- und Sicherheitsbereich stößt die „Brille der Gefühle“, wie sie beim Fraunhofer-Institut genannt wird, auf breite Zustimmung.

Es gibt allerdings noch andere digitale Möglichkeiten, um logistische Abläufe zu optimieren. Ein Blick ins Land der Eidgenossen lohnt sich daher.

Wer hat‘s erfunden?


Die Firma Swisslog, die sich auf integrierte Logistiklösungen spezialisiert hat, benötigt keine Brille, um den Überblick in der digitalen Welt zu behalten. Mit „CarryPick“ platzierte das Schweizer Unternehmen eine Produktneuheit auf dem Markt, die nicht nur für E-Commerce- und Omni-Channel-Kunden spannend ist, sondern auch für Logistikdienstleister. Die sogenannte „Ware-zu-Person-Lösung“ verbindet stationäre Arbeitsplätze mit fahrerlosen Transportsystemen und frei beweglichen Lagerregalen. Nach einer einfachen Installation ermöglichen sie einen „ungeschlagenen Raumnutzungsgrad“, da beispielsweise Paletten ohne Zwischenräume in Gängen gelagert werden können. Der Kommissionierungsprozess wird dadurch gestrafft.

Genau aus diesem Grund hat der Lebensmittel-Großhändler Weiling aus Coesfeld Swisslog mit der Entwicklung eines neuen AutoStore-Systems und Hochregallagers beauftragt. Das Ergebnis: 47.000 Behälterstellplätze, zwölf Kommissionierungs-Arbeitsplätze und ein Hochregallager mit einer Höhe von 33 Metern, das über 6.000 Paletten-Stellplätze besitzt. Henrik Hauser, Leiter Süd der Weiling GmbH, lobt das Konzept: „Es hat uns vor allem deshalb überzeugt, weil es viel Flexibilität mitbringt und sich unserem dynamischen Handelsgeschäft in idealer Weise anpasst.“

Allerdings denken nicht alle deutschen Unternehmen in Bezug auf Digitalisierung in solchen Dimensionen, wie die Studie zur „Digital Business Readiness“ von Crisp Research belegte. Fast zwei Drittel fühlen sich unter Zugzwang, mehr als die Hälfte besitzt noch nicht einmal eine vernünftige Strategie, um in die „digitale Welt“ eintauchen zu können. „Neben den finanziellen mangelt es vielen Unternehmen oft auch an den personellen Ressourcen“, begründet Sven Heinsen, CEO der Dimension Data in Deutschland, die Verunsicherung. Wenn allerdings nicht reagiert werde, könne das zur Folge haben, dass der Wirtschaftsstandort Deutschland an Bedeutung verliere.

Digitale Reife erhöhen
 

Roland Berger Strategy Consultants Holding GmbH, Bildquelle: Roland Berger Strategy Consultants

Die Roland Berger-Studie „Die digitale Transformation der Industrie“, welche in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und 2015 veröffentlicht wurde, konnte belegen, dass deutsche Unternehmen bis dato noch einen großen Bogen um die Digitalisierung machen. Und das, obwohl die wirtschaftlichen Auswirkungen positiv sind. Experten errechneten, dass die deutsche Wirtschaft mit der Digitalisierung bis 2025 zusätzlich 425 Milliarden Euro erwirtschaften könnte. Vorausgesetzt neue, tragfähige Geschäftsmodelle werden entwickelt. Falls das nicht geschieht, läuft die deutsche Industrie Gefahr, dass andere Marktteilnehmer ihr den Rang ablaufen. Um das zu verhindern, spricht sich Stefan Schaible, CEO für Deutschland und Central Europe von Roland Berger Strategy Consultants, für digitale Industriestandards und eine entsprechende Infrastruktur aus. „Ob vor einigen Jahren durch Amazon oder zuletzt Uber – diese Beispiele zeigen, wie radikal Marktumbrüche durch die digitale Transformation ausfallen können“, warnt er.

Unternehmen müssen sich schnell umstellen


Digitale Systeme helfen Unternehmen, große Datenmengen zu speichern und diese zu verarbeiten und final auszuwerten. „Auf dieses neue Wettbewerbsumfeld müssen sich Dienstleister und Industrie zügig einstellen“, so Schaible weiter. Die Vorteile: Lieferketten werden effektiver und Produktionszeiten kürzer. Außerdem können Marktentwicklungen wesentlich besser eingeschätzt und Entscheidungen leichter getroffen werden.

Durch die Vernetzung von Produkten, Dienstleistungen, Kunden und Lieferanten erhöht sich regelmäßig das Datenvolumen weltweit, was einen tiefgreifenden Einschnitt in alle Unternehmensprozesse darstellt. Aus zeitversetzten Wertschöpfungsketten werden dynamische Wertschöpfungsnetzwerke – und mit der richtigen Brille auf der Nase kann dann auch die Zukunft der Logistikunternehmen in Deutschland rosarot werden.