Die Logistik ist weiblich – oder doch nicht?

Im März 2015 wurde erstmals eine Frauenquote für Aufsichtsräte in DAX-notierten Unternehmen eingeführt. Zeit also, nachzufragen, wie es in anderen Bereichen mit dem Frauenanteil aussieht. Der Wirtschaftsbereich Logistik gilt traditionell als Männerdomäne. Dennoch macht man sich auch hier langsam attraktiv für Arbeitnehmerinnen.

Nach wie vor ist die Logistik eine Branche, in der Frauen nur punktuell stark vertreten sind. Während die weiblichen Angestellten bei Dienstleitungstätigkeiten und in kaufmännischen Berufen knapp 50 Prozent der Arbeitskräfte stellen, sieht es in technischen Berufen und im Bereich Verkehr eher düster aus. Auch das Management ist männlich dominiert. Während auf der mittleren Führungsebene noch rund 15 Prozent Frauen zu finden sind, sind die Frauen bei den Spitzenpositionen mit unter 10 Prozent Anteil Mangelware.

Die Bundesvereinigung Logistik (BVL) e.V. hat eine Fokusgruppenbefragung durchgeführt und 25 Logistik-Unternehmen nach der Situation und ihren Motiven befragt. Ergebnis ist, dass „derzeit im Wirtschaftsbereich Logistik das Potenzial von Frauen als Arbeitskräfte noch nicht umfassend ausgeschöpft wird." Im Schnitt gibt es rund 40 Prozent weibliche Arbeitskräfte, die durchaus wertgeschätzt werden. 80 Prozent der befragten Logistiker halten es für „wichtig oder gar sehr wichtig, dass Frauen und Männer im Unternehmen zu gleichen Teilen vertreten sind. Nach Einschätzung der Befragten tragen Frauen vor allem zu einem ausgewogeneren Betriebsklima sowie einer besseren Kommunikation bei und bringen andere Blickwinkel in das Tagesgeschäft ein.“ Auch Kompetenzen wie Konfliktmanagement, Teamwork, Effizient und Zielorientierung werden mit weiblichen Angestellten verknüpft.

Dennoch halten sich die Vorurteile. Marion von der Hand, die bis zu ihrem Ruhestand Global Supply Management Director bei LEONI war, wird mit den Worten zitiert: „An einer Einkaufsleiterin eines Kosmetikkonzerns würde kein Mann Anstoß nehmen. Oder in der Mode. Aber bei einem Automobilzulieferer? Das kann nicht sein, das geht nicht.“ Wenig geht auch im Bereich Technik und Verkehr: Gab es im Jahr 2014 18,9 Prozent Ingenieurinnen in Deutschland, waren es bei den Berufskraftfahrerinnen unter drei Prozent.

Die BVL-Befragung kam zu dem Schluss, dass in vielen Unternehmen durchaus der Wunsch nach mehr weiblichen Beschäftigten vorhanden ist. Ein höherer Frauenanteil gilt auch als Strategie gegen den vielzitierten Fachkräftemangel. Einige Logistikunternehmen haben bereits reagiert und bieten auch Frauen gute Aufstiegschancen und flexible Arbeitszeitmodelle. Seltener sind gute Verdienstmöglichkeiten und die Möglichkeit zum Home-Office. Spezielle Frauenförderpläne sind in der Logistik allerdings so gut wie gar nicht vorhanden.

Ein ganz anderes Bild zeigt sich in der Wissenschaft: Frauen haben sich hier längst etabliert und besetzen eine Vielzahl von Logistik-Lehrstühlen. Auch die Anzahl der Studentinnen in den verschiedenen Fachrichtungen der Logistik steigt rasant. Anscheinend lassen diese sich nicht abschrecken und erkennen die Logistik als attraktives Arbeitsumfeld. In wenigen Jahren werden aus diesen Studentinnen top-ausgebildete Arbeitnehmerinnen, die in die Unternehmen drängen. Dann buhlen die Arbeitgeber nicht mehr nur noch um die besten Absolventen, sondern eben auch um die besten Absolventinnen.