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Im Interview mit Prof. Dr. Michael ten Hompel

„In fünf Jahren wird es normal sein, mit einem Regal zu kommunizieren“

Prof. Dr. Michael ten Hompel, geschäftsführender Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik, über das Zusammenspiel von Mensch und Maschine in der Industrie 4.0.

WELCHE AUSWIRKUNGEN HAT DIE VIERTE INDUSTRIELLE REVOLUTION AUF DIE INTERAKTION ZWISCHEN MENSCH UND MASCHINE?

Die Dinge fangen an, eigene Entscheidungen zu treffen. Im Lager der nahen Zukunft werden Menschen, Maschinen und Objekte in einer Art sozialem Netzwerk miteinander interagieren. Das wirft ein völlig neues Licht auf die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine. Wir werden es mit autonomen Systemen zu tun haben, die von selbst mit uns in Kontakt treten. Diese Autonomie ist der Kern der Revolution.

WELCHE ART VON ENTSCHEIDUNGEN MEINEN SIE DA KONKRET?
Stellen Sie sich einen Kommissionierer vor, der gerade einen Karton kommissioniert hat und dann feststellt, dass ein Teil fehlt. Für ihn steht jetzt die Entscheidung an: Geht der Karton jetzt so raus oder lohnt es sich, auf das fehlende Teil zu warten? Bisher hätte der Mitarbeiter seine Kollegen gefragt. In Zukunft wird er das Regal fragen, ob es das Teil schon nachgeordert hat. Das Regal wiederum wendet sich an die Fahrzeugflotte, um eine exakte Auskunft darüber geben zu können, wann das Teil eintrifft. So entsteht eine qualifizierte Entscheidungsgrundlage.

WÜRDEN SIE DIE KOMMISSIONIERUNG ALS EINEN LOGISTISCHEN BEREICH BEZEICHNEN, DEM DIE AUTONOMIE EINEN KLAR ERKENNBAREN MEHRWERT BIETET?
Ja, und zwar schon jetzt. Das ist ja genau das, was STILL mit dem iGo neo vorgestellt hat. Für mich ist es das perfekte Beispiel, das zeigt, wo die Reise hingeht. Der Stapler kennt den Menschen und fährt hinter ihm her, ohne Leitlinien in den Boden zu vergraben oder Ähnliches. Dieses autonome Hinter-dem-Menschen-Herfahren ist Industrie 4.0 in Reinkultur.

WENN WIR DIE VIERTE INDUSTRIELLE REVOLUTION ALS REISE BETRACHTEN, WO AUF DER REISEROUTE STEHEN WIR DERZEIT UND WIE WEIT IST ES NOCH ZUM ZIEL?
Die vierte industrielle Revolution wurde vor fünf Jahren auf der Hannover Messe ausgerufen. Erfahrungsgemäß braucht eine solche Revolution zehn Jahre, bis sie vollzogen ist. Wir sind also mittendrin. Ich glaube fest daran, dass es in fünf Jahren ganz normal sein wird, mit einem Regal zu kommunizieren. Ob es dann wirklich spricht, ist natürlich eine andere Frage (lacht). Gleichzeitig werden wir immer intelligentere fahrerlose Transportsysteme sehen und in dem Zusammenhang lässt sich ohne Übertreibung sagen: Da ist STILL ganz weit vorne.

WELCHE ROLLE WIRD DAS THEMA SOFTWARE AUF DIESER REISE SPIELEN?
Eine alles entscheidende! Im Logistikbereich werden im Zusammenhang mit Software und Apps ganz neue Geschäftsbereiche entstehen. Keine App, kein Geschäft! Das ist vielleicht etwas platt formuliert, aber es bringt klar zum Ausdruck, wie wir die Welt sehen.

WAS IST NUN DIE DRINGLICHSTE AUFGABE, DAMIT WIR IN FÜNF JAHREN TATSÄCHLICH AUF EINE REVOLUTIONIERTE INDUSTRIE BLICKEN?
Es kommt darauf an, Möglichkeiten zu finden, die neuen Technologien und Entwicklungen sinnvoll und mit Mehrwert zu nutzen. Entscheidend wird sein, Produkte in den Markt zu bringen, die einen sofort nachvollziehbaren Nutzen besitzen. Und eines ist sicher: Es werden völlig neue Geschäftsmodelle entstehen.

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