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IFOY Gewinner

E-Commerce

Unter Zugzwang

Der Online-Handel boomt und wird die Handelswelt umkrempeln wie nichts zuvor. Doch Unternehmen, die online agieren, geraten unter Zugzwang. Der sogenannte „E-Commerce-Effekt“ verlangt von Ihnen vor allem hohe Flexibilität – und eine individuell ausgerichtete Logistik muss unbedingt nachziehen.

Mit „Es war einmal...“ beginnen Geschichten. Jene des E-Commerce könnte so lauten: Es war einmal eine Großmutter, die konnte den Weg in den Supermarkt nicht antreten, weil in Haushalt und Garten zu viele Dinge zu erledigen waren. Deshalb drückte sie dem Großvater einen Einkaufszettel in die Hand. Dieser ging los und brachte treu und brav die gewünschte Ware. Er ging sozusagen offline einkaufen. Genau dieses Prinzip geschieht gerade in der Online-Welt. Die Bestellung ist in Sekundenschnelle im Internet aufgegeben und wird bis vor die Haustür geliefert. Dort steht heute anstelle des Großvaters nun der Postbote in der Tür und bringt die Bestellung.

Ist doch gut so? Sicherlich, und diese Entwicklung lässt sich schon lange nicht mehr aufhalten. Doch setzt sie auch die Wirtschaft und ihre Unternehmen gehörig unter Druck. Firmen, die ihre Produkte via E-Commerce vertreiben, rechnen damit, dass sich die Nachfrage weiter vervielfachen wird. Um die damit verbundenen Aufträge stemmen zu können, sollten Fördertechnik, Lagerverwaltung und Transport den neuen Rahmenbedingungen entsprechend angepasst werden. Logistik-Experten sind gefordert, Lösungen zu finden, welche sich in das dynamische E-Commerce-Feld integrieren lassen. Vorreiter auf diesem Gebiet sind die großen Online-Versandhändler Amazon, Zalando oder Otto, die seit Jahren ihre Logistik-, Transport- sowie Distributionsprozesse kontinuierlich optimiert haben.

Dreh- und Angelpunkt: Software


Ein Beispiel: Das Bremer Spirituosen Contor (BSC) lagert seltene Whiskeys aus Schottland, aromatischen Rum aus Haiti und Gin, Sekt sowie einige alkoholfreie Getränke. Das Lager gleicht einer Schatzkammer, die mit Hilfe eines leistungsfähigen Lagerverwaltungssystems zügig immer wieder „geplündert“ wird. Nach grundlegenden Optimierungen konnte das BSC die Kommissionierzeiten um 17 Prozent verkürzen. Die Lieferzeiten gehören damit zu den schnellsten der Branche, die Zustellung innerhalb Deutschlands erfolgt bereits am nächsten Werktag.

Marcus da Costa, Prokurist und Mitglied der Geschäftsführung beim Bremer Spirituosen Contor, blickt zurück: „Bis zu 120 Aufträge pro Tag, mehr war nicht drin. Das Lager war randvoll und drohte nicht mehr beherrschbar zu sein. Außerdem war die Fehlerquote mit circa drei Prozent für unsere Qualitätsansprüche zu hoch.“ Mit dem neuen Lagersystem, das auf einer teilchaotischen Platzvergabe basiert, können nun doppelt so viele Aufträge bearbeitet und die Fehlerquote immens reduziert werden. Ein besonderer Vorteil im BSC-Modell ist, dass Picker Aufträge gemeinsam abarbeiten, wodurch sich Laufwege und Kommissionierzeiten deutlich verringern. Mit dem frei gewordenen Platz in den Regalen stockte das Unternehmen sein Sortiment immer weiter auf. Als das Distributionszentrum dafür nicht mehr ausreichte, erfolgte der Umzug in ein größeres. Das Unternehmen hat also mehr als nur ein paar Promille an zusätzlicher Effizienz gewonnen.

„Einfach machen lassen“ kann’s nicht sein


Doch Experten sind sich nicht einig, wie die beste technische Lösung dabei aussieht. Laut STILL Intralogistikberaterin Dr.-Ing. Alice Kirchheim, spielen Trends eine entscheidende Rolle: „Die Kunden verlangen zunehmend kleinere Bestellmengen, eine größere Artikelvielfalt und immer kürzere Vorlaufzeiten.

Für Dr. Michael ten Hompel, Leiter des Dortmunder Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik, liegt die Zukunft „in einer Mischung aus schneller, zentraler Fördertechnik mit einer vorgelagerten, mannintensiven Kommissionierung“.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann drückt die Großmutter dem Großvater nach wie vor einen Einkaufszettel in die Hand und schickt ihn in den Supermarkt. Die Nachfolge-Generationen wiederum werden dem Online-Kauf vertrauen – und darauf muss die Wirtschaft vorbereitet sein.