Drohnen im Zustelldienst – in der Stadt, über dem Meer, überall

Nicht nur bei Paketdiensten und Versandhäusern setzen Drohnen neue Maßstäbe. Sie erobern auch Schifffahrt und Luftraum, um kleine, leichte Dinge sicher zu transportieren.

Ein Angler sitzt in Schweden an einem abgelegenen See, eine Drohne summt über seinem Kopf und kurze Zeit später zischt er sich ein kühles Bier auf, während sich frischer Pizza-Duft in der Wildnis verbreitet. Was nach einer lustig-luxuriösen Technikphantasie klingt, bekommt eine ernste Note, wenn man die Komponenten des Szenarios nur leicht verändert: aus Schweden wird eine abgelegene Region, aus Bier und Pizza ein lebenswichtiges Medikament – und auf einmal wird klar, wie wichtig technologischer Fortschritt auch in den luftigen Höhen individueller Logistik wird. Und hier bekommt die Entwicklung derzeit eine Menge Auftrieb. Konnte man bis vor kurzem noch sagen: Der technologische Fortschritt in der automatisierten Logistik rollt unaufhaltsam voran, so gibt es starke Trends und gute Gründe, die ihn in naher Zukunft wohl eher fliegen lassen.

Versandhändler preschen zuerst vor

Im kommerziellen Bereich für den Endverbraucher war der Startschuss für Drohnentechnologie naturgemäß in Amerika zuerst gefallen. Spätestens seit Amazon-Chef Jeff Bezos 2013 im amerikanischen Fernsehsender CBS die Entwicklung des „Prime-Air-Services“ zur Zustellung mit einer achtmotorigen Drohne ankündigte, ist das Thema in den Köpfen und auf den Tischen vieler kommerzieller Versandhändler gelandet. Selbst die Deutsche Post hat 2015 bereits ein Paket zu Testzwecken per Drohne auf die Insel Juist geschickt.

Lawinenhilfe und Lebensmittellieferungen

Drohnen als Zustellgeräte für kleine Frachten sind längst der Ideenphase entwachsen und durch ausgereifte Tests und Probeeinsätze bereits Teil der Realität. Dieter Bambauer, Chef von Post Logistics Schweiz, ist sich sicher: „In 10 bis 15 Jahren werden auch Drohnenzustellungen in bestimmten Situationen sinnvoll und normal sein.“ 2015 stellte die schweizerische Post, die Luftfrachtdivision der Fluggesellschaft Swiss und Matternet sowie ein kalifornischer Drohnenhersteller ein gemeinsames Projekt vor. Bambauer betont, es gehe zunächst um den Einsatz in Notsituationen. Werde zum Beispiel ein Bergdorf in den Alpen durch Lawinen oder extreme Witterungsverhältnisse von der Außenwelt abgeschnitten, könnten Drohnen lebenswichtige und lebensrettende Lieferungen übernehmen.

Auf hoher See – fliegende Lastkähne

Eine ähnliche Dringlichkeit gibt es in der Schifffahrt. Die dänische Container-Schiff-Reederei Maersk testet Drohnen gegenwärtig als Alternative bei der Versorgung ihrer Schiffe mit Verpflegung und anderen Gütern, die bisher kostenintensiv mit kleinen Schuten oder per Kran am Hafen erfolgte. Aber auch bei der Außenuntersuchung von Schiffsrümpfen können Drohnen Hilfe leisten und Kosten einsparen. Gegenüber dem Wall-Street-Journal sagte Markus Kuhn, Logistikspezialist bei Maersk: „Derzeit nutzen Containerriesen eine Flotte von Kleinstschiffen und Schuten, um die Versorgung der Besatzung mit Nahrungsmitteln und anderen Gütern sicherzustellen – und müssen dafür beträchtliche Summen investieren." Die Kosten für einen Lastkahn liegen im Durchschnitt bei 1.000 US-Dollar, können aber auch je nach Region leicht auf 3.000 US-Dollar und mehr ansteigen. Der Einsatz von Drohnen kann diesen Bereich finanziell stark entlasten. Ein aktueller Test von Drohnen zur Untersuchung unserer Schiffsrümpfe ist erfolgreich verlaufen.

Der Drohneneinsatz in Lagerhallen

In vielen Ländern gelten verständlicherweise hohe Sicherheitsrestriktionen für den öffentlichen Luftraum. Und naturgemäß stellt der Gesetzgeber scharfe Fragen im Hinblick auf Absturzsicherheit, Flughöhe oder mögliche Konflikte mit den ohnehin schon überlasteten Luftverkehrswegen. Gerade deshalb ist der Einsatz von Drohnen in begrenzten Gebieten – wie Betriebsgeländen und in großen Lagerhallen – besonders aussichtsreich. Die Drohne wird in Zukunft wohl als „fliegendes Auge“ der Lagerverwaltung nützlich sein und für kleinere Frachtbewegungen auf großen Gewerbegebieten die ökologischere und günstigere Alternative werden.

Die ökologische Frage: Braucht man einen LKW für ein Ladekabel?

Batteriekapazitäten, Lastfähigkeit und die allgemeine Luftsicherheit werden den Drohneneinsatz höchstwahrscheinlich auf kleine Radien in Ballungsgebieten, auf betrieblichen Geländen und auf den Einsatz in abgelegenen Regionen begrenzen. Jedoch gerade in Ballungsräumen drängt sich die ökologische Frage auf: Warum soll sich ein tonnenschwerer LKW durch den Stadtverkehr kämpfen, weil ein Privatkunde ein kleines Ladekabel bestellt hat, wenn das eine Drohne nicht kostengünstiger und schneller erledigen könnte?

Hier haben die Gesetzgeber, die von der technologischen Entwicklung diesmal nicht überrollt, sondern überflogen wurden, noch viel Arbeit vor sich. Aber die Akzeptanz ist gegeben. Das hat eine aktuelle Umfrage des Digitalverbands Bitcom ermittelt: Demnach würden sich 13 Prozent der Befragten auf jeden Fall Einzelhandelswaren per unbemanntem Flugobjekt liefern lassen. Für die Lieferung eiliger Medikamente per Drohne beispielsweise votierte jeder vierte Befragte. Insgesamt kann sich fast die Hälfte der Befragten eine Lieferung aus der Luft vorstellen. Wenn der Gesetzgeber nachzieht und die Technologie weiterhin überzeugt, dürfte sich die technologische Luftlücke bald in eine logistische Luftbrücke verwandelt haben.