Die Magie des Windes

Segelschiffe - die Zukunft der Logistikbranche?

Der weltweite Gütertransport spielt sich größtenteils auf den Meeren ab. Containerschiffe sind die Motoren des Welthandels, die jedoch zur Umweltverschmutzung beitragen. Können überdimensionale Segelschiffe hier neuen Wind in die CO2-Bilanz der Logistikbranche bringen?

Ein riesiges Segelschiff schippert über den Pazifik. Zwanzig Segel, die an vier turmhohen Masten befestigt sind, werden vom Wind gebläht und bringen das Schiff ans Ziel. Auf dem Weg dorthin kann selbst hoher Wellengang dem Segelschiff, das mit einer Geschwindigkeit von bis zu 14 Knoten (knapp 26 Stundenkilometer) unterwegs ist, nichts anhaben. So lautet die optimistische Theorie: Mit der Kraft des Windes sollen Waren emissionsfrei von A nach B gebracht werden können.

Weltseeverkehr als dynamischer Markt

Schon in der Antike wurden die Meere genutzt, um Güter zu transportieren. Waren es damals traditionelle Handelswaren wie Wein, Olivenöl, Keramik, Weizen und Baumaterial, kann heutzutage fast alles verschifft werden. Seit den 1950er Jahren kurbeln vor allem Containerschiffe den Welthandel an. So transportierte die „Clifford J. Rodgers“ 1955 auf einer ihrer ersten Fahrten rund 600 Container. Die „Valparaíso Express“ als derzeit größtes Containerschiff der Welt hat heute Platz für mehr als für 10.000 Container. Der „Naturschutzbund“ (NABU) hat errechnet, dass 90 Prozent des globalen Handels von 45.000 Tankern, Massenfrachtern und Containerschiffen umgesetzt werden.

Auch in Deutschland hat der maritime Sektor eine enorme volkswirtschaftliche Bedeutung – und das nicht nur an den Häfen von Ost- und Nordsee. Als eine der führenden Exportnationen hat die Bundesrepublik ein großes Interesse daran, den Seeverkehr auf gesicherten Seewegen leistungsfähiger, vor allem aber umweltfreundlicher zu gestalten. Das Hauptproblem der Schifffahrt sind immer noch die „dreckigen Nebenwirkungen“. Durch die Verwendung des sogenannten Bunkeröls entstehen bei der Verbrennung unter anderem Ruß, Stickstoff sowie Schwefel- und Kohlendioxid. Allein die 15 größten Schiffe stoßen mehr Schwefeloxid als 760 Millionen Autos aus. So sterben jährlich bis zu 60.000 Menschen an Schiffsabgasen.

Wir setzen Hamburg wieder auf die Karte

Zustände, die verbessert werden müssen und eine große Chance bieten – und diese möchte die Reederei Döhle, die mit circa 500 Handelsschiffen und 6.800 Mitarbeitern zu den weltweit größten Charterreedern zählt, in Zusammenarbeit mit „Sailing Cargo“ aus Hamburg ergreifen. Sie planen Waren aller Art mit traditionellen Segelschiffe emissionsfrei über die Weltmeere zu transportieren. Daimler, VW und BMW haben bereits Interesse am Projekt signalisiert. Jährlich werden von deutschen Autokonzernen mehr als drei Millionen Neuwagen verschifft, zudem eine Vielzahl an Auto- und Maschinenteilen – und das mit steigender Tendenz. Aus umweltpolitischen Gründen möchten die Autohersteller nun auch auf hoher See „grüner“ werden. 

Die Antwort darauf ist der „ECOLINER“, das Mega-Segelschiff, das zu 100 Prozent umweltfreundlich sein und sich mit der Kraft des Windes fortbewegen soll. „Wir werden definitiv im Sommer 2018 das erste Schiff in den Dienst stellen“, sagt Uwe Köhler, der bei „Sailing Cargo“ für Strategie und Entwicklung verantwortlich ist. In den nächsten fünf Jahren soll eine Flotte von 15 bis 25 Großseglern aufgebaut werden. Mit nur einem „ECOLINER“ könnten langfristig pro Fahrt 30.000 bis 40.000 Tonnen Kohlendioxid einspart werden. Die Schiffe der Vergangenheit könnten somit zu den Schiffen der Zukunft werden. „Der Wind kostet bekanntlich nichts“, sagte schon der Hamburger Schiffsingenieur Wilhelm Prölss, der in den 1960er Jahren ein Segelsystem eigens für Frachtschiffe entwickelte.

Alte Technik für moderne Ziele

Die dazu passende Segelschiff-Idee stammt aus den Niederlanden: Die Entwickler der „Dykstra Naval Architects“, einer Agentur für Yacht- und Schiffsdesign, kombinierten Hightech-Segel mit Diesel- und Elektromotoren. Perspektivisch soll der diesel-elektrische Hilfsmotor von einem batterie-elektrischen Antrieb ersetzt werden, der nur im Notfall zum Einsatz kommt. Man möchte 80 Prozent via Windkraft fahren, um niedrigere Betriebskosten im Vergleich zu einem herkömmlichen Schiff mit Dieselmotor erzielen zu können. Außerdem wurde ein spezielles Navigationsprogramm entwickelt, welches je nach Wind und Strömung die schnellste Strecke ermittelt. Unterstützt wurden sie dabei von Andreas Lackner, einem erfahrenen Segler, der mit seinem Frachter „Tres Hombres“ seit zehn Jahren problemlos Fairtrade-Waren emissionsfrei über den Atlantik transportiert.

Sonnenbetriebenes Traumschiff aus Japan

Die japanische Reederei „NYK“, eines der größten Schifffahrtsunternehmen weltweit, möchte neben dem Wind auch die Kraft der Sonne nutzen. Bis 2050, so der ehrgeizige Plan, möchte der Konzern ein „Null-Emissions-Containerschiff“ bauen. Als Vorstufe soll das „Super Eco Ship 2030“ realisiert werden. Dieser Frachter – angetrieben mit Flüssiggas, Wind und Sonne – soll 8.000 Container von Asien nach Europa transportieren und dabei bis zu 70 Prozent Kohlenstoffdioxid einsparen. Die eingebauten Elektromotoren werden mit Strom aus Brennstoffzellen angetrieben und zusätzlich unterstützt von acht ausklappbaren Segeln sowie einer Deckhülle, die mit Solarzellen besetzt ist. 

Das Segelschiff wäre nicht nur aus umweltverträglichen Gesichtspunkten eine ideale Lösung, sondern auch in Bezug auf die Kapazitätsfrage. Ein Beispiel: Üblicherweise passen 4.500 Fahrzeuge mittlerer Größe auf ein Transportschiff. Mit einem Segelschiff könnte zwar nur die Hälfte transportiert werden, jedoch stellt es kein Problem dar, zwei Segelschiffe dafür einzusetzen, zumal die Schiffe weniger Mannschaftsmitglieder an Bord braucht und die Crew daher entsprechend verteilt werden kann. Dietmar Oeliger, Leiter Verkehrspolitik beim Naturschutzbund, begrüßt solch einen Einsatz: „Schiffe mit Windantrieb wären ein enorm wichtiger Baustein. Es braucht nun mutige Akteure, die solchen Projekten mit Know-how und Umweltengagement endlich zum Durchbruch verhelfen.“ Bleibt zu hoffen, dass die Realität der technischen Machbarkeit dem Enthusiasmus am Ende nicht den Wind aus den Segel nimmt, sondern für zusätzlichen Rückenwind sorgen wird.