Ein Flurförderzeug, das „mitdenkt“

Der iGo neo von STILL stellt sich dem Praxistest

Der Horizontal-Kommissionierer iGo neo erkennt seinen Kollegen aus Fleisch und Blut und folgt ihm eigenständig auf Schritt und Tritt bei der Arbeit. Das autonome Flurförderzeug übernimmt dabei unter anderem alle Fahrprozesse, sodass sich das Lagerpersonal auf die eigentliche Pick-Tätigkeit konzentrieren kann. Wie sich diese intelligente Partnerschaft zwischen Mensch und Maschine auf die Kommissionierleistung auswirkt, lesen Sie im Test.

Elektrostapler RX 60-80 im Test

Es war eines der Messehighlights auf der Logimat 2016: die Einführung des iGo neo CX 20 von STILL. Kein Handschuh mit Druckknopf, kein Tippen auf welche Art von Fernbedienung auch immer ist nötig, um das Flurförderzeug beim Einsatz in Bewegung zu halten. Sobald der Kommissionierer vom Flurförderzeug absteigt und eine Taste an der Seite des Geräts drückt behält der iGo neo mithilfe seines 360°-Scanners diese Person „im Auge“. Bewegt sich der Mitarbeiter zur nächsten Kommissionierstelle, dann folgt der Stapler ihm automatisch und berücksichtigt dabei den Sicherheitsabstand zum Regal sowie alle Hindernisse auf dem Weg. 

Drei Layouts mit zwölf Picks

Wir haben das autonome Flurförderzeug auf unserer Standard-Kommissionier-Teststrecke auf Herz und Nieren geprüft. Dabei wurden die jeweilige Kommissionierdauer und der Energieverbrauch bei drei verschiedenen Streckenlayouts untersucht.
  
Das erste Layout ähnelt der Standard-Kommissionierstruktur in einem großen Distributionszentrum eines internationalen Händlers. Der Parcours hat zwölf Kommissionierstationen verteilt über eine Fahrdistanz von 168 m. Sechs Stationen liegen in einem so geringen Abstand zueinander, dass es sinnvoll ist, jede Station zu Fuß anzusteuern anstatt die Wegstrecke auf dem Flurförderzeug zurückzulegen. Um die Unterschiede der Verfahren aufzeigen zu können, führten wir die Tests mit einem traditionellen Gerät respektive einer Fernbedienung durch. Bei Layout zwei und drei bleibt die Gesamtfahrstrecke gleich, aber die Anzahl der Kommissionierplätze, für die der Mitfahrbetrieb ungeeignet ist, ist höher als bei Layout eins. Auf Strecke zwei sind es neun Plätze die sich zu Fuß erreichen lassen, auf Strecke drei sind es elf Stationen. Für jedes Layout messen wir die benötigte Zeit und den Energieverbrauch um alle zwölf Picks zu kommissionieren. Wir tun dies auf konventionelle Weise (Mitfahrbetrieb) sowie mithilfe der automatischen Fernsteuerung, sobald es aufgrund des geringen Abstands zum nächsten Kommissionierplatz sinnvoll ist. 

Wartezeiten reduzieren


Unsere ersten Erkenntnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen: der iGo neo ist auf allen drei Layouts effizienter und produktiver, sobald das Mitlaufprinzip genutzt wird. Diese Erfahrung haben wir auch bei anderen Remote-Kommissionierern in unseren Tests gemacht.
Während den ersten Testrunden mit dem traditionellen Mitfahrverfahren war die Effizienz des „Folge dem Kommissionierer“- Prinzip des iGo neo allerdings nicht so groß wie erwartet. Die Methode funktioniert zwar gut, wäre aber noch effektiver, wenn das Fahrzeug dynamisch auf die Gehbewegung des Kommissionierers reagieren würde. Das Gerät sollte sofort in Aktion treten, sobald sich der Kommissionierer auf die nächste Station zubewegt. Idealerweise folgt das Flurförderzeug dann nicht "nur", sondern fährt ein wenig voraus.

Die STILL-Ingenieure nahmen sich unsere während der Tests geäußerten Kritik zu Herzen und gingen unverzüglich an die Arbeit. Als wir den Horizontal Kommissionierer ein paar Wochen später erneut testen, sind die Leistungssteigerungen beachtlich. Wir erreichen Steigerungswerte von 22, 43 und 47 Prozent auf Layout eins, zwei und drei im Vergleich zum herkömmlichen Mitfahrbetrieb. Mithilfe der neuen Programmierung spielt der iGo neo sein Potenzial nun voll aus − das zeigt eine insinuierte Ideal-Fahrt mit einem zusätzlichen Bediener, der den Stapler immer genau an der richtigen Stelle für den Kommissionierer positioniert. Der einschränkende Faktor ist nicht mehr das Fahrzeug und seine Bedienung, sondern die Laufgeschwindigkeit des Bedieners.

Raum für Verbesserungen

Während der Tests fällt auf, dass der iGo neo sein Fahrumfeld sicherheitstechnisch "im Auge hält". Das autonome Flurförderzeug weicht Hindernissen aus und stoppt bei Bedarf, um Kollisionen zu vermeiden. Die Ende-Gang-Stoppfunktion arbeitet ebenso einwandfrei wie die Mitarbeitererkennung.

Dennoch gibt es unserer Meinung nach Verbesserungsbedarf z. B. an der Gestaltung der Fernbedienung, die der Kommissionierer am Oberarm tragen kann. Aber wieso Fernbedienung? Eingangs haben wir doch propagiert "kein Tippen auf welche Art von Fernbedienung auch immer ist nötig." Das Gerät fährt doch automatisch? Ja, das stimmt, aber mithilfe der Fernbedienung kann der Kommissionierer das Fahrzeug anhalten oder zu sich delegieren.
Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, die Gangseite zu wechseln, wenn auf der anderen Seite kommissioniert werden muss. Eine weitere Option ist es, mithilfe der Fernbedienung eine der vorprogrammierten Haltestellen zu wählen, sodass der iGo neo den entsprechenden Ladungsträger "anbietet" und sich demzufolge die Wegstrecken weiter minimieren lassen. Bei unseren Messungen erhalten wir die besten Ergebnisse, wenn wir die zweite Haltestelle wählen und näher am Ende der Gabel arbeiten.

Bereit für die Zukunft

Wir haben viele weitere Ideen, die als zukünftige Features am iGo neo denkbar wären: Dazu gehören z.  B. die Gestenerkennung, das automatische Navigieren mithilfe des 360°-Scanners, eine Ende-Gang-Stopp Funktion, die auch Mülleimer oder Container an der Vorderseite der Regale berücksichtigt sowie die Vernetzung mit dem Lagerverwaltungssystem und die Aktualisierung der Software aus der Distanz.

Neben dieser und anderer Zukunftsvisionen liefert der iGo neo bereits heute die Merkmale, wie wir sie von anderen Remote-Kommissionierern her kennen: Die Arbeit ist angenehm, problemlos, effizient und wenig belastend, weil der Bediener nicht ständig auf- und absteigen muss. Hinzu kommt der geringe Energieverbrauch des Flurförderzeugs.

Test-Fazit

Aufgrund seines automatischen „Folge dem Kommissionierer“-Prinzips hat der Kommissionierer beim iGo neo beide Hände frei, um die Waren zu greifen, zu halten und auf der Palette zu positionieren. Des Weiteren konstatieren wir, dass längere Laufstrecken unproblematisch sind, und die hohe Dynamik des Horizontal-Kommissionierers regelrecht zum Mitgehen einlädt. Wo die Grenze des „Mitlaufprinzips“ in anderen Tests bei sieben bis acht Metern lagen, laufen wir jetzt mühelos bis zu zehn Meter bevor wir zurück auf den Stapler steigen. Darüber hinaus bestimmt die eigene Bewegungsgeschwindigkeit des Bedieners die Geschwindigkeit des Fahrzeugs. Dies empfinden wir als sehr angenehm.


Quelle: Theo Egberts, Andersom Testing, f+h aus Ausgabe 02/2017