Augmented Reality und Logistik

Mehr sehen, als man sieht – Augmented Reality in der Logistik.


Wie so oft ist die Fiktion der Realität voraus: In einem berühmten Actionfilmklassiker aus den 80ern betritt ein etwas humorloser Roboter splitternackt eine Kneipe und scannt die anwesenden Gäste auf passende Kleidung. Sein Display im Sichtfeld vergleicht deren Größen. Schnell findet der Roboter, den heute wohl jedes Kind als Terminator kennt, einen Gast, der genau seiner Kleidergröße entspricht. Den muss er nicht lange bitten und nimmt dem bedauernswerten Kneipengänger die Hose, Lederjacke und Schlüssel zu seinem Motorrad ab. Gut gekleidet und bestens ausgerüstet für den Rest des Filmstreifens macht sich der Terminator auf den Weg - Augmented Reality sei Dank. 

"Erweiterte Realität" lautet die direkte Übersetzung des Begriffs Augmented Reality. Sie bezeichnet die Erweiterung der Wahrnehmung durch computergenerierte Informationen. Diese Informationen können entweder gesehen, gehört oder gespürt werden. In Zukunft kann auch ein Lagerverwalter oder Gabelstaplerfahrer in der Logistik mit solch einer Technologie ausgestattet sein: Mit einer Datenbrille, einem Datenhandschuh und diversen Applikationen von kleidungsbasierter Technologie (wearable computing), die online mit einem Zentralcomputer verbunden ist. Damit hat er Lagerbestand, Warenflüsse und Bestellungen immer zeitsynchron im Blick und kann entsprechend reagieren.

Der Aufbruch kam aus dem Konsumerbereich

Datenbrillen mit eingespiegelten und vernetzten Informationen sind Realität geworden und beflügeln die Phantasie weltweit. 2012 war es die Brille „Google Glass“ und 2016 die Goole Daydream View des Suchmaschinenanbieters, die für großes Aufsehen – oder besser: Hindurchsehen – sorgte. Wer sie trägt, kann sich gleichzeitig Informationen über seine Umgebung im Gesichtsfeld zeigen lassen: Öffnungszeiten, Bahnfahrpläne, Rufnummern, Sonderangebote – all jene Informationen, die uns heute auch gute KFZ-Navigationssysteme bereitstellen.

Obschon diese Technologie bis dato eher etwas für Technikfreaks ist und einige empfindliche Fragen zum Datenschutz berührt, steht ihr Einsatz in der Logistik und in der Lagerwirtschaft kurz bevor. Seit 2014 ist die Technologie zu großen Teilen marktreif für die Anwendung in der Industrie und Logistik.

Wenn Brille und Handschuh mitarbeiten

Die Computerzeitschrift Connect berichtete 2015 von einem Startup aus München, das die Abläufe bei der Fließbandproduktion mittels Augmented Reality beschleunigt. Dabei kommen ein sensorbestückter Datenhandschuh und eine Datenbrille zum Einsatz. Das Entwicklerteam des jungen Unternehmens hat mit seinem Sensorhandschuh ProGlove den dritten Platz beim weltweiten Intel-Wettbewerb "Make It Wearable" erreicht. Das smarte Arbeitsgerät erkennt nicht nur, ob der Träger das richtige Bauteil zur Hand nimmt, sondern überwacht und protokolliert auch sämtliche Arbeitsschritte. Greift der Mitarbeiter zum falschen Teil oder Werkzeug, vibriert die intelligente Arbeitshilfe und gibt zusätzlich ein optisches Feedback auf dem eingebetteten Display einer Datenbrille. Diese Kombination wird derzeit auch bei der Montage und Wartung von Flugzeugen getestet und kann in Zukunft Fehlerquoten drastisch vermindern.

Mehr Effizienz durch Just-In-Time-Vernetzung

Bei der Anwendung im Logistikbereich sieht das Szenario ähnlich aus: Ein Gabelstaplerfahrer wird mit Kleidung ausgestattet, in der Hardware wie eine Datenbrille mit Mikrofon und Lautsprecher, ein Datenhandschuh, der Eingabefunktionen ähnlich einer Maus ermöglicht sowie eine Sende- und Empfangseinheit plus einem kleinen Computer am Handgelenk integriert sind. Schaut der Fahrer in Richtung einer Regaleinheit, zeigt ihm die Datenbrille alle relevanten Daten. Mit dem Datenhandschuh kann er bei Bedarf auf dem Display virtuell wie mit einer Maus in einem Menü agieren oder auch Barcodes scannen.


Wird die Technologie heute bereits auf diese Weise eingesetzt? Die Antwort lautet: ja. Genau genommen war das bereits vor zwei Jahren der Fall. Das Handelsblatt führte 2015 als Beispiel das Warenlager des IT-Distributors Bechtle AG in Neckarsulm an. Wo Lageristen früher mit Barcodescannern die Regale abgingen, können sie heute dank der Datenbrille freihändig arbeiten, während ihnen im Display und per Sprachnachricht die abzuholenden Waren samt Beschaffenheit und Ausgabeziel angezeigt werden. Der Bestückungszustand des Lagers und jedes einzelnen Regals kann in Echtzeit aktualisiert und dem Lagerpersonal ebenso wie dem Zentralcomputer zur Verfügung gestellt werden. Zeitgleich kann der zu beliefernde Kunde jederzeit über den Aufenthaltsort seiner Bestellung im Bilde bleiben.

In Teil 2 der Terminator-Reihe besiegt zwar die alte Technologie des T800 jene des neueren T1000. Doch diese filmische Fiktion hat mit der Realität wenig zu tun. Hier wird die neue Technologie der Augmented Reality ihren Siegeszug antreten und bisherige Lösungen sukzessive von der Bildfläche der Logistiker verschwinden lassen. Ganz nach dem Motto: Hasta la vista, baby.