Die Regal-Frage

Die Branche der Paketzusteller boomt und die Aufgaben für Logistiker wachsen dadurch stetig. Doch wer expandiert, benötigt ausreichend Platz und neue innovative Lösungen bei Lagerung und Transport. Individualisierte Regalsysteme für Hallen und Lieferfahrzeuge könnten der richtige Schritt sein.

Wenn ein Unternehmen sein Portfolio erweitern möchte, dann benötigt es in der Regel mehr Platz – und unter Umständen auch ein größeres Lager. Das stellte vor zwei Jahren auch der Outdoor-Spezialist "Bergans of Norway" fest, der aufgrund der Umstrukturierung des globalen Warenverkehrs sein Zentrallager von Norwegen nach Deutschland verlegte. Dieses befindet sich seitdem auf einer circa 20.000 m² großen Fläche nahe Hamburg. "Wir wollen weiter wachsen und noch näher an unseren Kunden sein", begründete der damalige Geschäftsführer der Bergans Outdoor GmbH, Peter Melchior Carati, den Umzug und die Wahl des Ortes. Mit dem neuen Lager entstand dort auch ein neues, individuelles Palettenregalsystem mit rund 7.000 Palettenplätzen, in denen hochwertige Outdoor-Produkte sowie entsprechendes Zubehör auf den weltweiten Versand warten. "Wir haben eine maßgeschneiderte und integrierte Lagerlösung, die auf unsere Anforderungen zugeschnitten ist und zahlreiche Entwicklungsmöglichkeiten für die Zukunft einschließt", erklärt Lagermanager Kai Böckmann. Die hohen Qualitätsstandards sowie die Chance, ein 61 Meter langes und 50 Meter breites Palettenregalsystem zu installieren, bildeten die Hauptkriterien bei der Wahl der Regalanlage.

Stil von STILL

Individualisierung auch bei großen Dimensionen ist also auch bei Regalkonzepten state of the art. Das weiß auch STILL und bietet seinen Kunden individuelle Regalsysteme. Mithilfe des "STILL Regalberaters" lernt das Unternehmen online zuerst die Bedürfnisse eines Kunden kennen. Nach der Beantwortung weniger Fragen wird eine Vorauswahl getroffen, welches Regal am besten zu dessen Vorstellungen passt. STILL berät anschließend bei der Lagerplanung und berücksichtigt Lagergegebenheiten, Artikelstruktur und Kommissionierungsabläufe. "Am Anfang steht die Planung, am Ende ein komplettes Lager – und das ist immer individuell angelegt", betont STILL.

Der Komplettanbieter im Bereich der Industrieregale kann auf ein umfangreiches Produktportfolio mit passgenauen Regalsystemen und einer Strategie für jede Anforderung zurückgreifen. Ob für große Player oder für klein- und mittelständische Unternehmen: STILL berechnet für ein individuelles Konzept alle notwendigen Zahlenwerte und erarbeitet auf dieser Basis eine passende Strategie, die mit maßgeschneiderter Technologie umgesetzt wird. Dazu konzipiert STILL Sonderlösungen, die beispielsweise die Kommissionierung effektiver gestalten.

Regalsysteme sind aber nicht nur in Lagerhallen von enormer Bedeutung, sondern werden auch zunehmend in Lieferfahrzeugen verbaut. Hauptverantwortlich dafür ist vor allem der gewachsene Online-Versandhandel, der zur Folge hat, dass Paketzusteller weitere Fahrzeuge auf die Straße schicken müssen. Im Falle des Ruhrgebiets kommt es dadurch regelmäßig zu Verkehrsbehinderungen. Aus diesem Grund bauen Automobilhersteller verstärkt Lieferfahrzeuge mit individualisierten Regalen, um den Transport effektiver zu gestalten.

Die Leichtigkeit des Seins


Da die Branche der Paketzusteller boomt, möchte Mercedes-Benz diesen Schwung nutzen und sich zu einem Systemdienstleister weiterentwickeln und innovative Fahrzeuge für die Paketlogistik anbieten. Dabei kooperiert der Hersteller mit dem Stuttgarter Unternehmen CIKONI. Dort werden individualisierte Leichtbauregale produziert, welche in Transportern eingesetzt werden können. Erstmalig wurde die Idee auf der "IAA Nutzfahrzeuge 2016" bei dem „Vision Van“ vorgestellt. Der Leiter von Mercedes-Benz Vans Volker Mornhinweg möchte den "Vision Van" zu einem "intelligenten, vernetzten Datenzentrum auf Rädern" machen. Mittels cleverem Laderaummanagement soll in Zukunft an jeder Station das passende Paket herausgegeben werden können. Mit dem sogenannten One-Shot-Loading spart der Betreiber effektiv Zeit und Kosten bei der Beladung. Die bereits vollständig mit Paketen gefüllten Regalsysteme werden von einem Roboter im Laderaum des Vans platziert. Am Zustellungsort wird das Regal dann via Knopfdruck herausgeschoben und das gewünschte Paket entnommen. Einfach und schnell, ohne umzuräumen oder neu sortieren zu müssen.

"Bislang musste ein Zusteller während der Auslieferung in einem Wohngebiet die durchschnittlich rund 180 Pakete seiner Ladung zehn Mal neu sortieren und rund neun Minuten pro Empfänger einplanen", heißt es in einer Mitteilung von Mercedes-Benz. Mit dem neu entwickelten Regalsystem von CIKONI wird die Auslieferungszeit verringert, der Durchsatz pro Fahrzeug gesteigert und die Ladung entsprechend gesichert. "Eventuell müssen dann nur noch acht statt zehn Mercedes-Sprinter auf Tour geschickt werden", sagt Stefan Maurer, der in der Abteilung Future Transportation Systems bei Mercedes-Benz Vans beschäftigt ist. Durch das One-Shot-Loading würden zukünftig weniger Mercedes-Benz-Fahrzeuge im Einsatz sein, aber die daraus resultierenden Einbußen könnten mit dem Verkauf der neuen Belade- und Logistiksysteme kompensiert werden. Ganz nebenbei würde die Reduzierung der Lieferflotten auch den CO2-Ausstoß senken.

Doch einmal ketzerisch gefragt: Müssen es eigentlich immer Regale sein?

Ein Lager und kein Regal

Eine auf den ersten Blick abwegige Vorstellung könnte bald wahr werden: Ein Lager ohne Regale. Das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund hat genau das entwickelt – und es soll mittels eines neu entwickelten fahrerlosen Stapelbediengeräts umgesetzt werden. Der Hochstapler "Stack Access Machine" (SAM) wurde erstmalig auf der "Cemat 2016" präsentiert. Die Maschine kann einzelne Behälter vollautomatisch aus aufgetürmten Stapeln herausnehmen. Ein regalloses Prinzip, das beim Publikum auf großes Interesse stieß. "Bei der Lagerung ist uns keine Lösung bekannt, die trotz Automatisierung eine ähnliche Flexibilität bietet wie das Stapelbediengerät SAM", zeigt sich Diplom-Logistiker Jan Behling vom IML überzeugt.   

SAM benötigt weder Regale noch Schienen, um schnell in Betrieb zu gehen. „Durch diese sehr infrastrukturarmen Einsatzbedingungen sind die Lagerkapazität und der Ort des Lagers sehr leicht veränderbar", fügt Behling hinzu. Und so einfach arbeitet SAM auf seinem Spielfeld: Er fährt vor den Behälterstapel und nimmt den gewünschten Zielbehälter problemlos heraus. Wenn dieser sich in der Mitte befindet, werden die darüber platzierten angehoben und danach wieder aufgesetzt. Wichtig ist aber, dass die Behälter die gleichen Maße aufweisen. Aktuell kann der Prototyp bis zu 30 Kilogramm heben. Umgekehrt ist auch die Einlagerung für ihn kein Problem. Regale für Behälter sind folglich überflüssig.


Da sich Ort als auch Kapazität des Lagers jederzeit verändern können, werden die Kommissionierung und Produktionsversorgung wesentlich flexibler. Ob und wieweit Systeme wie SAM in der Logistik tatsächlich Anwendung finden werden, ist noch unklar. "Logistikdienstleister nutzen automatisierte Lagertechnik bisher vergleichsweise selten, weil sich die dazu nötigen Investitionen in Bezug auf die meist eher kurzen Projektlaufzeiten meist nicht amortisieren", weiß der Diplom-Logistiker Behling.

Individualisierte Regalsysteme sind in Lagerhallen und Fahrzeugen von enormer Bedeutung, um logistische Prozesse zu optimieren und so die Wirtschaftlichkeit zu steigern. Das Beispiel vom Fraunhofer-Institut verdeutlicht jedoch, dass hierbei auch der entgegengesetzte Weg gegangen werden kann. Regal oder kein Regal? Das ist hier die Frage – und die Antwort dazu kann immer nur individuell sein.