Cowboys auf Achse

Die Figur des Cowboys stillt unsere Sehnsüchte nach Freiheit und Abenteuer. Die Männer mit Pferd und Lasso waren Pioniere der Logistikbranche. Im Automobilzeitalter ist der Cowboy als Trucker on the road again. Das ist der Stoff, den Drehbuchautoren gern aufgreifen.

Die Männer hinter dem Lenkrad sind beständig unterwegs, schlagen sich zumeist als Einzelkämpfer durch das Leben und kommen letztlich doch ans Ziel. Sie sind zumeist Typen der Marke gutmütiger Grizzly: raue Schale mit weichem Kern und großem Herz.
So setzen Drehbuchautoren den Kraftfahrzeugführer oft in Szene. Bei der Besetzung der Hauptrollen finden sie dann auch die Charaktere, die den Rollen authentisch Leben einhauchen. Über einen Zeitraum von 19 Jahren war beispielsweise Franz Meersdonk im Fernsehen mit seinem Truck „Auf Achse“. Die Rolle wirkte Manfred Krug wie auf den Leib geschrieben. Auch Armin Rohde gab in Staffel sechs einen sehr überzeugenden Kaschinski.

Wenn Meersdonk mit seinem Mercedes-Truck Terminfracht durch die halbe Welt kutschte, ging es weniger um Romantik. Das Abenteuer in fernen Ländern stand im Vordergrund, verpackt im Vorabendformat. Das wirkte schon wie die Fortsetzung der Karl-May-Filme mit anderen Mitteln.

Lkw-Fahrer Theo Gromberg stand im Film gleich gegen den Rest der Welt. Als Spediteur will er sein Glück machen und kauft eine Volvo-Zugmaschine auf Kredit. Die Raten drücken, und so fährt er einen illegalen Transport. Denn die Margen sind eng im Speditionsgewerbe. Und so wird in der Fiktion mancher schwach für den Aufschlag, der im rechtsfreien Raum geboten wird. Für den Darsteller des Theo waren die Spritztouren mit dem Volvo-Sattelschlepper der Einstieg ins große Business: Marius Müller-Westernhagen startete nach dem Filmerfolg eine beispiellose Weltkarriere als Musiker.

Das Flaggschiff des deutschen TV-Krimis, der nunmehr 40jährige Tatort, zeigt ebenfalls eine - vermeintliche – Realität der Logistikbranche. Schon im Erstling „Taxi nach Leipzig“ passiert an der Autobahn Verbotenes. Bis 1989 werden die Schattenseiten der deutschen Teilung und des Transitverkehrs mehrfach aufgegriffen. Ein Beispiel, das einiges Aufsehen erregte: „Spuk aus der Eiszeit“ (1988) erzählt nach einem Drehbuch von Erich Loest von den Machenschaften der Stasi im Kalten Krieg und spielt im Hamburger Speditionsgewerbe. Auch nach der Wende klären die Kommissare und Kommissarinnen nicht selten Verbrechen an und von Fahrern oder Spediteuren auf. Auch sind Bahnhöfe, Autobahnen und Lagerhallen häufig gewählte „Locations“ für spannende Krimizeit und den finalen Showdown.

Cowboy-Abenteuer oder Verbrechen – das ist das Spannungsfeld, in dem Logistik im deutschen Fernsehen wiedergespiegelt wird. Es fehlen Familienformate, Darstellungen einer unaufgeregten Realität oder Sensibilisierung für Alltagssorgen und –nöte. Vielleicht ist die Zeit reif für eine neue große Serie, die der Dramaturgie des wahren (Logistik-)Lebens folgt.