Autismus -

Die Stärke des Andersseins


Autismus im Berufsleben

Autisten nehmen die Welt anders war. Das birgt viele Herausforderungen. Doch wenn Unternehmen sich auf dieses Andersseins einstellen, sind Autisten für sie ein echter Gewinn. So wie Daniel Dünwald für STILL.

"Fast unmöglich“, so beschreibt Fachinformatiker Daniel Dünwald seine früheren Erfolgs-Chancen am Arbeitsmarkt. Er verstand vieles nicht und viele verstanden ihn nicht. Seit einer Diagnose vor gut zwei Jahren weiß er, warum er die Welt so anders wahrnimmt: Autismus-Spektrum, eine angeborene Abweichung der Informationsverarbeitung, des Gefühlslebens und des Denkens.

Trotzdem – oder gerade deswegen – ist Daniel Dünwald heute eine gefragte Arbeitskraft. Aus fast unmöglich wurde möglich, denn die Diagnose öffnete ihm eine wichtige Tür: „Ich konnte für auticon arbeiten, das hat vieles verändert“, so Dünwald. auticon ist das erste Unternehmen, das deutschlandweit ausschließlich Menschen mit Autismus-Spektrum als IT-Consultants vermittelt.

Sein letzter Einsatz führte Daniel Dünwald zu STILL nach Hamburg. Im Fachbereich Digital Solutions & Support entsteht hier ein neues webbasiertes Diagnosetool, mit dem Servicetechniker Daten von Flurförderzeugen auslesen können. Um eine frühe Version der Software auf Fehler abzuklopfen, buchte das STILL Team den 26-jährigen IT-Consultant als externen Tester. Denn die Welt mit anderen Augen zu sehen, bringt auch handfeste Vorteile mit sich.

Die Stärken von Autisten sind sehr individuell, da die Formen von Autismus von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sind. Frühere Kategorisierungen gelten heute als zu starr: „Kennst du einen Autisten, kennst du einen Autisten“, sagt Dünwald. Häufig umfassen die Stärken jedoch ein ausgeprägtes logisches Denkvermögen, lange Aufmerksamkeitsspannen beim Bearbeiten einer Aufgabe und die Fähigkeit, verschiedenste Aspekte miteinander in Verbindung zu bringen. „Das sind Fähigkeiten, die im IT-Bereich dringend gebraucht werden“, nennt STILL Ingenieur und Projektleiter Andreas Hartwig einen Grund für die Zusammenarbeit mit auticon. Vier Monate war Daniel Dünwald Teil des STILL Projektteams, testete die Software immer und immer wieder bis ins kleinste Detail. „Bereits nach zwei Tagen arbeitete er komplett eigenständig und wir waren beeindruckt, in welcher Geschwindigkeit er die Programmfehler aufdeckte“, erinnert sich Hartwig.

Bei der Zusammenarbeit mit autistischen Kollegen sind jedoch auch einige Dinge zu beachten. Wo Stärken sind, da sind auch Schwächen. Viele Autisten haben ein geringes Verständnis für nonverbale Signale und bildhafte Sprache, empfinden Körper- und Blickkontakt als unangenehm und brauchen klare Strukturen. Außerdem sind sie häufig sehr reizempfindlich. „Neurotypische Menschen“, wie Autisten ihre vermeintlich ‚normalen‘ Mitmenschen bezeichnen, „haben einen natürlichen Filter, der aktuell irrelevante Sinneseindrücke herausfiltert“, erklärt Daniel Dünwald. Dabei gingen manchmal allerdings auch relevante Informationen verloren, „wie bei einem sehr aggressiven Spam-Filter.“

Autisten haben diesen Filter nicht, sie nehmen jedes Detail war. Das kann von Vorteil sein, erfordert jedoch eine sehr ruhige Arbeitsumgebung. „Wenn ich zur Arbeit pendle, verbraucht alleine das schon etwa 40 Prozent meiner täglichen Energie“, so Dünwald. Darüber hinaus kommunizieren Autisten meist sehr ehrlich und direkt. Sie sagen, was sie denken und empfinden Small-Talk und Floskeln als ineffizient und deshalb unnötig. Als Daniel Dünwald bei der Vorstellungsrunde bei STILL gefragt wird, ob er etwas über sich erzählen möchte, antwortet er: „Sie kennen doch meinen Lebenslauf, oder? Warum sollte ich das jetzt noch mal wiederholen?“ Andreas Hartwig ist kurz verwundert, dann beeindruckt. Heute sagt er: „Was die Klarheit, Ehrlichkeit und Offenheit der Kommunikation angeht, können wir einiges von Autisten lernen“.

Vier Monate arbeitete Daniel Dünwald (rechts) als IT-Consultant bei STILL, um Fehler in einer neuentwickelten Diagnose-Software aufzudecken.
Vier Monate arbeitete Daniel Dünwald (rechts) als IT-Consultant bei STILL, um Fehler in einer neuentwickelten Diagnose-Software aufzudecken.